Leseprobe
aus
Udo
Oskar Rabsch, Maria vom Schnee
Es
war noch keine vier Monate her, da musste ich zu Hause bleiben, weil ich Masern
hatte. Zufällig hörte die Maria im Edeka-Laden meine Mutter sagen,
dass sie am Vormittag jemanden brauche, der auf mich aufpasse. Maria sagte, sie
habe Zeit, mache es gerne. Ich lag mit Fieber im Wohnzimmer auf der Couch, aber
ich zog die Bettdecke über mein Gesicht, damit sie nicht sehen konnte, wie
aufgeregt ich war. Die berühmte Maria aus den Baracken, Maria voll der
Gnaden. Maria, die dem Bürgermeister mit der Steinschleuder gegen den Kopf
geschossen hatte. Er hatte ihre Mutter nicht zur Auslosung der neuen
Einfamilienhäuser zugelassen, weil sie in wilder Ehe mit dem Wondre
zusammenlebte. Maria, die alle Männer an der Nase herumführte. Die
bereits in der Messe vom Pfarrer mit Namen erwähnt wurde, weil sie voller
Sünde sei und weil ihr vergeben werden müsse, was er hiermit tue, im
Namen Gottes und der Gottesmutter. Ich bibberte, mein Gesicht glühte. Ich
erstickte fast unter der Bettdecke. Mein Vater hatte ihren Vater auf der Flucht
erschossen, ihren Ziehvater. Ich hatte Angst. Hatte sie sich etwa nur deshalb
angeboten, um sich zu rächen? Kinder können an Masern sterben, es
würde nicht auffallen. Ich zog den oberen Rand der Bettdecke so fest
über mein Gesicht, dass ich keine Luft mehr bekam. Hätte die Maria
nicht meine Hände in ihre Hände genommen, wäre ich erstickt.
Ihre Hände waren kühl und samtig wie Klatschmohn. Sie retteten mich
vor mir selbst.
„Was schaust du mich so an“, sagte
sie, „hast du noch nie einen dicken Bauch gesehen?“
Sie lächelte nicht wie eine Frau, die einen
Jungen ermorden will.
„Da, schau mal“, sagte sie und
streifte ihr Kleid hoch. Sie hatte keine Unterhose an. Ich wusste, dass sie nie
Unterhosen anhatte und ich wusste auch, wie ihr dicker Bauch aussah.
Lässig wollte ich auf ihren Bauch und den schwarzen zerzausten Haarschopf
zwischen ihren Beinen schauen, aber meine Augen blieben aufgerissen und blind
vor Schreck.
„Meinst du, ich hätte dich nicht
gesehen? Meinst du, ich weiß nicht, dass du hinter mir
herspionierst?“
Ich hätte ihr antworten müssen, von dem
Straßenkreuzer sprechen, der mich töten würde, vom Tod, aber
ich wusste es ja noch nicht. Es drängte mich so sehr, ihr etwas
Dramatisches zu sagen, ich bin es doch, der dich liebt, ich bin der Einzige,
aber ich war elf Jahre alt, ich würde sie niemals einholen. Sie beugte
sich über mich. Ihr schwarzer Zopf rutschte von ihrem Nacken am Ohr
vorbei, die geflochtenen Strähnen lösten sich, kreiselten vor meinen
Augen und breiteten sich über mein Gesicht.
„Ich weiß nicht, wer der Vater des
Kindes ist. Sag du es mir. Du müsstest es wissen.“
Ihr Haar war sanft und kühl und roch nach
etwas, was es im ganzen Leben nicht gab, Süße ohne Schmerzen,
Erfüllung aller Wünsche einschließlich des Wunsches, ihr Mann
zu sein.
„Ich sterbe“, flüsterte ich und
brach in Tränen aus. Als ich wirklich starb, weinte ich nicht, aber damals
war ich so verzweifelt, weil ich unbedingt unter dem kühlen Tuch ihrer
Haare sterben wollte.
Ich
denke oft an Maria, deren Körper roch wie der Herbst an einem glühend
heißen Tag. Ich denke an sie und an diesen Tag Anfang November
neunzehnhundertfünfundfünfzig mit den bunten Ballonen der Baumkronen
im Himmel, Schwärmen von Wespen auf den schwarzen gärenden
Äpfeln im Gras, der plötzlichen Kälte am Wassergraben. Es war
ungewöhnlich heiß für November. Ich war elf Jahre alt, als ich
am Dreiecksee mit einem aufgepumpten Gummireifen herumplantschte und nur an
ihren Körper dachte, der hundert Meter weiter unten, am
Birkenwäldchen, mit dem mächtigen Körper des Bürgermeisters
spielte, sie lachte und hatte ihn beim Vornamen gerufen und mit der Hand so
komisch gewunken, nachdem sie vorher geschrien und geweint hatte, als er hinter
ihr hergerannt war, furchtbar geschrien und geweint hat sie, aber was
hätte ich dagegen tun können. Ich schlich mich an den
Haselnussbüschen entlang zum Feldweg zurück, nahm den Stecken,
stellte den Reifen wieder auf, der größer war als ich, und rollte
ihn Richtung Dreiecksee, man musste geschickt auf ihn einschlagen, damit er
nicht nach rechts oder links wegtrudelte, er brauchte ordentlich Schwung, um
über die Grasbüschel und Feldsteine zu kommen ohne umzukippen. Ich
wollte in dem großen Reifen über den See paddeln. Von den Platanen
an der Südseite des Sees wehte ein gleichmäßiger Schleier aus
Blättern aufs Wasser, das schwer und sumpfig war von der modernden
Blätterdecke, ich konnte den Reifen kaum vorwärts bewegen, meine
paddelnden Hände griffen in die glitschigen Blätter und ich
fürchtete mich davor, auf Krötenrücken oder Wasserschlangen zu
stoßen. So ruderte ich wieder zu dem Platz zurück, wo meine Kleider
lagen. Da war sie, die Maria. Sie hatte die Hand über die Augen gelegt,
weil die Sonne und das Wasser sie blendeten. „Ach du bist es“, sagte
sie, als ich gegen die Böschung stieß, „lässt du mich mal
in deinen Reifen?“
„Ja“, murmelte ich verlegen und stieg
vorsichtig herunter, weil die Böschung steil und lehmig war und durch die
vielen Füße der Badenden im Laufe des Sommers tiefe Abdrücke bekommen
hatte. Maria hatte schon ihre Bluse ausgezogen, darunter hatte sie nichts an,
und sie band ihren Rock nachlässig hoch, sodass ich das schwarze
Haarbüschel sah.
„Man muss vorsichtig sein“, murmelte
ich.
„Hilfst du mir“, sie stützte sich
auf meine Schulter, und ich bekam den Geruch ihrer Achsel ab. Es müsste
noch der Schweiß des Bürgermeisters zu riechen sein, war aber nicht.
Ich atmete tief, als wäre ich vom Rudern und Herausklettern noch
außer Atem. Im nächsten Moment rutschte sie ab und riss mich mit.
„Hilf mir, hilf mir“, schrie Maria
lachend und schlug ihre Arme um mich. Das Wasser schäumte auf und unsere
nach Grund suchenden Füße wühlten in den Lehmröhren, in
denen wir schließlich stecken blieben. Das Wasser um uns herum
färbte sich dunkelbraun. Der schmutzige Fleck breitete sich aus, als
wäre etwas geplatzt und das braune Blut eines unbekannten
Unterwassertieres stiege herauf, träge und zögernd, in immer
dunkleren Stößen. Ich hatte still und verbissen gegen das Einsinken
gekämpft, aber Maria lachte, und dann war sie plötzlich ruhig und
schaute mich an, unsere Augen waren auf gleicher Höhe.
„Und wie kommen wir hier wieder raus?“
Sie prustete los. Sie kicherte die ganze Zeit, wir brauchten lange. Wir
bespritzten uns von oben bis unten mit dem glitschigen Morast. Am Ufer des
Dreiecksees, in der ersten Novemberwoche
neunzehnhundertfünfundfünfzig, berührte ich zum ersten
und einzigen Mal ihre Schultern und ihre Arme, ich berührte auch ihre
Brüste, aber nicht so, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Wir tobten
nur albern herum. Unter anderen Bedingungen, mit Spielkameraden oder mit meiner
Schwester, hätte ich auch gelacht und gejohlt, aber jetzt, in der einzigen
heftigen und ganzen Umarmung mit der schönsten Frau der Welt, einer
Umarmung von fast Ertrinkenden, jetzt spürte ich in mir den Liebesernst
des werdenden Mannes. Maria lachte über mich, über uns, den Lehm,
unsere lehmverschmierten Gesichter, die Kriegsbemalung auf ihrer nackten Haut,
den ernsten zappelnden Jungen in ihren Armen, über ihren dicken Bauch. Und
ich war enttäuscht von meinen Bewegungen, die zu einem planschenden
Betrunkenen passen mochten, aber nicht zu mir, der ich tastende Botschaften an
Maria übermitteln wollte und nur wie blind auf ihr herumtrommelte. Aber am
meisten enttäuscht hat mich die Festigkeit ihres Körpers. Ich hatte
mir immer vorgestellt, in sie hineinzufassen wie in einen abendlichen Lichtstrahl, denn mehr
Gewicht konnte doch an so einer Schönheit nicht sein. Auf keinen Fall
konnte sie diese Festigkeit und Schwere haben, weil sie durch meine Seele flog
wie eine Wolke. So leicht müsste Schönheit sein, dachte ich,
während ich an ihren Schultern und an ihren Armen und ohne es zu wollen
auch an ihrer nassen Brust hantierte wie ein Entsetzter. Ihre Festigkeit war
schuld daran, dass meine Umarmungen lächerliche Tatschereien waren. Warum
hatte ich mich diesen Verrenkungen aussetzen müssen, wo ich doch beinahe
eins war mit Marias gelenkigem Körper. Auf dem niedergetretenen Gras unter
den Platanen hätte ich genug Halt gehabt, um mich zu kontrollieren und ihr
die Zartheit von Männerhänden zu beweisen.
Es
wurde nicht mehr Tag. Eine Schneewolke hüllte den Wald über der
Diebsteige in graues Dunkel und wälzte sich über die schräge
Ebene der Felder ins Dorf. Es war, als wollte die Wolke den Schnee nicht
herausgeben, und als wäre selbst die Luft unter der Last der Wolke schwer
ein- und auszuatmen.
Habe ich den Faden verloren? Wo ich jetzt bin, geraten die Erinnerungen durcheinander. Sie tanzen wie ein Mückenschwarm im Kopf herum. Wenn eine verschwindet, setzt sich eine andere an ihre Stelle.
© konkursbuch Verlag Claudia Gehrke