Vorwort Claudia Gehrke
Der Sommer war
heiß. Auch die Nächte. Tagsüber wünschte man
sich zu dösen statt zu arbeiten. Warme Nächte
verführen zur Leichtigkeit, Offenheit, dazu, sich den Momenten
hinzugeben und nicht unbedingt einem Plan zu folgen. Auf den
Sommerfesten gab es vielleicht besonders viele erotische Begegnungen,
manche dauerten nur einen Moment an einem nächtlichen See, an
dem man weit nach Mitternacht noch nahezu unbekleidet saß und
plauderte, und sich zu Bemerkungen hinreißen ließ, dass
man nur in dieser Nacht mit genau diesem Menschen einsam auf einem
Boot fahren wolle und die ganze Nacht feiern. Oder sich auf einem
südlichen Tanzfest gerade noch davon abhielt, jetzt sofort mit
dem Tänzer, der Tänzerin ins Dunkle zu verschwinden. Die
Anfänge erotischer Abenteuer sind jedes Mal wie die eines
Romans, man sieht sich in unwirklichen Umgebungen die
verrücktesten Dinge tun und denken und glaubt kaum, dass man
selbst das ist. Man ist man selbst" und zugleich ein anderer.
Und egal ob man dann lange liebt oder kürzer, man erzählt
sich die Geschichten immer wieder neu. Weißt du noch, wie wir
damals...
Und diese Geschichten werden auch in der Literatur immer wieder neu
erzählt. So in diesem Sommer von den älteren"
Koryphäen - quasi in Folge der in den letzten Jahren
herausgekommenen Texte von Frauen aus Frankreich und andren
erotisch-exotisch konnotierten Ländern, die von den Medien zu
Dokumenten einer neuen weiblichen Lust hochstilisiert wurden. Grass
publiziert Gedichte, in denen er sich erfrischend direkt an seinem
Geschlecht erfreut, Coelho erzählt von 11 Minuten Sex, die sich
dann doch irgendwann in Liebe verwandeln und Botho Strauss... Die
Erotik als Thema und im Leben ist immer da, mal stärker, mal
sanfter. Und natürlich taucht das in allen medialen Ebenen auf
bis hin zu den Müllmails, die uns überfluteten, und den
Internetviren, in denen nicht selten der Namen love" vorkommt.
Sie blockierten die Arbeit. Check out these girls taking massive
cocks. Am häufigsten kommen Fragen derart: Wollen Sie ihren
Penis vergrößern, increase your manhood safe and natural,
manchmal auch do you want bigger breasts..." Unvorstellbar dass
je jemand seinen Penis vergrößern lassen will aufgrund
solcher Mails, aber doch, man(n) möchte zumindest seine sexuelle
Funktion verbessern in Zeiten, in denen dieses Geschlechtsorgan
zunehmend an Bedeutung verliert, angeblich. Dabei ist es auch ein
Kunstwerk, ist es schön", das der Frauen wie der
Männer. Bin ich schön? Frauen lassen sich Brüste
vergrößern, verkleinern, und Falten wegglätten lassen
sich angeblich inzwischen beide Geschlechter. Als sei das erotische
Glück (und damit immer noch und immer wieder
zusammenhängend: das Lebens-Glück) allein in diesen Teilen
zu finden: Brust, Penis, glatte Haut. Die Erotik versteckt sich
jedoch woanders, sie taucht überraschend auf, in ungeplanten
Momenten, oft nicht akzeptiert, oft kann man sie nicht glauben und
flieht die Möglichkeit. Der Ort einer Begegnung spielt eine
Rolle, das Licht, die Temperatur, und die Umstände
natürlich, ob etwas heimlich beginnt, neben der Liebe, die man
lebt, ob man große Anstrengungen unternimmt, eine neue Liebe zu
finden und viele Menschen gezielt trifft, zum Beispiel durch
Kontaktbörsen im Internet, und sich dann doch verliebt in einen,
den man zufällig trifft, und der vielleicht durch seine kompakte
weiche Gestalt bezaubert, durch ein Gesicht, das sehr viel
Fläche bietet zum Küssen. So vieles spielt mit, und Penis
oder Brust auch. Aber entscheidend für den Beginn der Lust sind
sie nicht. Wichtiger ist, keinen Plan zu haben, sich auf Momente
wirklich einlassen zu können; was den meisten, inclusive mir,
nicht gerade oft gelingt. Doch Hitze und Trägheit, und das damit
verbundene In-den-Hintergrund-treten all der Pläne, der Arbeit,
mag eine positive Wirkung auf die Erotik haben, auch wenn es dann und
wann viel zu heiß war um zu vögeln. Auch wenn einen
tragische Ereignisse im privaten Umfeld oder der Ferne trauern
ließen, man über besserwisserische selbsternannte
Weltverbesserer sich ratlos die Köpfe heiß redete: die
Erotik lässt sich nicht abstellen, an keinem Ort, nirgends. Zur
Erotik gehört etwas, das sozusagen grundsätzlich quer steht
in einer Zeit allgemeiner Verdächtigungen, des Misstrauens bis
hin zum Verfolgungswahn. Jedes Misstrauen, also der Gedanke daran,
der andere könnte uns irgendwann einmal verletzen, vielleicht
böse, ein Täter sein, ist in jenen erotischen Momenten
außer Kraft gesetzt, es gilt, sich in unhinterfragtes Vertrauen
zu stürzen, sich in einen anderen Menschen fallen zu lassen. Sei
es für ein beiläufiges Spiel mit den heißen Augen
eines Mannes, der immer auf derselben Parkbank sitzt und bei
nüchterner Betrachtung vielleicht sogar der Dorfidiot"
ist. Sei es für eine extreme sexuelle Inszenierung mit einem,
einer Geliebten. Sei es für das Zusammensein im Alltag. Sei es
für eine Nacht. In erotischen Momenten vergessen wir, uns zu
kontrollieren, und denken nicht daran, dass der Körper
vielleicht Zellulitis hat oder viele Falten, oder dass die anderen
einem vielleicht schaden könnten. Im Sex gilt das nichts, es
gilt nicht die glatte Haut, die große Brust, die kleine
knackige Brust, die zierliche Hüfte, die Gefahr.
Es gilt immer wieder neu, sich fallen zu lassen. 20-jährige
Frauen, die sich trauen, offen zu reden, erzählen, dass sie
Schwierigkeiten haben, einen Orgasmus beim Sex zu erleben. Dass sie
trotz aller angeblichen Aufklärung nicht wissen, wann ihre
fruchtbaren Tage sind, und wann sie vielleicht mit einem
Langzeitgeliebten dann doch mal ohne Schutz vögeln könnten.
Die sehr jungen Körper sind sich noch fremd. Haben ihren Ort im
Selbst" noch nicht gefunden, selbst wenn sie sich sehr sexy
kleiden und körperbewusst leben. Es gibt eine Scham im
Körper, eine Unsicherheit, und die hört (vielleicht) nie
auf. Bin ich schön?
In erotischen Momenten ist diese Scham außer Kraft gesetzt...
oder ein Spiel.
Sexuelles, erotisches Glück ist nicht an die Jugend
geknüpft. Die Lust auf Erotik hört nicht auf. Auch
Menschen, die keinen Sex mehr haben, verlieben sich mit roten Wangen,
in Vorfreude auf mögliche Begegnungen. Erregen sich.
Träumen. Und wenn sie nur mit dem Pfleger plaudern. Meine
Großmutter zum Beispiel schwärmte für einen meiner
damaligen Mitbewohner, sie kam mich in dieser Zeit auffallend oft
besuchen, vor allem um sich mit dem klugen jungen Mann"
über Tagespolitik zu unterhalten. Und sie fragte mich
eindringlich, ob ich nicht Interesse habe, ob er eine Freundin
hätte, und dass er, wenn sie jünger gewesen wäre,
genau ihr Typ gewesen wäre.
Wir haben uns zu Beginn dieses wunderschönen Sommers auf dem
Verlagsfest zum 25-jährigen Verlagsgeburtstag in
Gesprächsorgien begeben , über Themen wie das Auto",
Scham" (Themen der kommenden Ausgaben von konkursbuch"),
und über Erregung debattiert. Was erregt im Text? Was erregt
Sie, was erfreut Sie?
Das in diesem Jahr besonders opulente Heimliche Auge" möge
zum Nachdenken und Reden anregen, und ab und an einen Funken Erregung
versprühen... Wir dienen wie immer nicht
ausschließlich" der Erregung, was immer das bedeuten mag,
was Staatsanwälte da unablässig neu in Frage stellen,
sondern möchten Sie in vieler Hinsicht vielfältig
anregen... Magische Momente finden sich auch nach dem Sommer. Im
verzaubernden Herbstdunst nach kristallinen Tagen. Wenn ich jetzt
gleich nach durchmachten Nächten und vielen vielen lustvollen
Momenten bei der Zusammenstellung dieses Auges und dem Schreiben des
Vorwortes sehr früh an einem sonnigen Morgen das Haus in
Richtung Druckerei verlassen werde, sind die Scheiben sicher schon
beschlagen...