Laudatio
Karen-Susan Fessel
erhält den Rosa Courage Preis 2011.
von Claudia Gehrke,
www.konkursbuch.com
Liebes Publikum, sehr geehrte
VertreterInnen von „Gay in May“ und der Stadt Osnabrück, liebe
Karen-Susan!
Zunächst möchte auch
ich einen Glückwunsch für das 20. Jubiläum der Verleihung des
Rosa Courage Preises aussprechen! Einen großen Dank an den Verein
„Gay in May“, den Initiator Andreas Hinz,wo auch immer er ist oder
nicht ist, und alle anderen für diesen Preis wichtigen Menschen.
Als du, Karen-Susan Fessel, uns
1992 ein Buchmanuskript mit dem Titel „Kleine Abschiede“
schicktest, las es zuerst meine damalige Mitarbeiterin. Sie hatte es sich aus
dem riesigen Manuskriptberg gefischt. Ich müsse dieses Manuskript
unbedingt lesen, sagte sie kurz darauf. Es sei „das Buch für
Leserinnen ihrer Generation“, sie war damals Ende 20. Ich hatte keine
Zeit, begann mehrmals, ließ es liegen und las es schließlich
während einer Zugfahrt.
Und weiß heute noch, dass
ich plötzlich ganz aufgeregt war. Am Ende der Bahnfahrt war mir – ohne ein Moment des Zögerns, ohne
darüber nachzudenken, warum – klar,
dieses Buch wird bei uns erscheinen, mehr noch, ich wusste, diese Autorin wird
noch viel mehr erzählen.
Das Gefühl kennen alle
Verleger. Zu spüren, ohne immer genau formulieren zu können, warum,
eben das Manuskript einer jungen neuen Autorin gelesen zu haben, die wirklich
gut ist. Die wahrscheinlich noch viele Bücher veröffentlichen wird.
Die eine Geschichte erfinden und
aufbauen kann, mit komplexen Perspektivwechseln, mit eine Gruppe von
Protagonisten, mit Bezug zur Welt, zum Leben. Die Themen aufgreift, die weit
über das Schildern von Ich-Befindlichkeiten und Selbstfindungen
hinausgehen. Die eine Zeit nahebringen kann, einen Ort. Auch wenn das erste
Buch noch nicht, wie viele ihrer späteren Romane, eine Geschichte
über Jahre hinweg, sondern „nur“ von einem Sommer in Berlin
erzählt, von Menschen, die die große Liebe suchen und dabei
entdecken, dass Freundschaften wenigstens genauso wichtig sind, die aufbrechen,
in andere Länder oder eine andere Lebensperspektive. Es war eine
Geschichte über Menschen unter dreißig in den 1990ern, der
Generation, die nach der Zeit der großen politischen Aufbrüche
erwachsen geworden war. Auch heute lässt sich das Buch lesen, denn die
Geschichte hat viele Aspekte, die immer aktuell sind. Das Coming-out schienen
die Protagonisten längst hinter sich zu haben, sie waren lesbisch, schwul
oder heterosexuell – und doch spielt die Geschichte zwischen den
sexuellen Orientierungen, so wie das Leben nie in nur einer Welt stattfindet,
auch nicht ausschließlich in einer queeren Welt.
Natürlich war das Buch
nicht fertig. Natürlich hatten wir in Folge viele
Lektoratsvorschläge, auf die sich Karen-Susan Fessel von Anfang an sehr
professionell eingelassen hat – oder auch nicht, wenn sie gute Argumente
gegen unsere Vorschläge hatte. Das Buch erschien anderthalb Jahre
später, unter dem Titel „Und abends mit Beleuchtung“. Warum
wir oder Karen-Susan es umbenannt hatten, weiß ich nicht mehr.
Vielleicht habe ich Karen-Susan
damals nie von meinem Gefühl als Verlegerin während dieser
Eisenbahnfahrt erzählt. Ihr nie gesagt, wie begeistert ich wirklich war,
wie sicher, dass sie eine erfolgreiche Schriftstellerin werden würde.
Dass schon in diesem ersten
Roman die „eine Familie“ nicht ausgeschlossen wurde für die
„andere“, auch das hat mich begeistert, die ich auch sehr an meiner
„Herkunftsfamilie“ hänge. In vielen Büchern lesbischer
Autorinnen spielen Verwandte, Brüder, Schwestern, Mütter, Väter
kaum eine Rolle, es geht ausschließlich um die „andere“
lesbisch-queere Welt – bei Fessel spielt in fast allen Büchern
„Familie“, in welcher Form auch immer, eine wichtige Rolle. In
ihrem ersten Buch hat der heterosexuelle Bruder der Protagonistin Nan, Leo,
eine Hauptrolle.
Ihr familiäres Freundesnetzwerk in Berlin half bei der Verbreitung dieses ersten Romans. Axel Schock – sehe ich ihn nicht hier im Publikum? – vermittelte erste Rezensionen, eine davon in dem schwulen Magazin„Magnus“. Ein Verriss. Aber er hatte zur Folge dass viele schwule Männer ihr Buch kauften und Karen-Susan Fessel vom schwulen Asta in Oldenburg zu einer Lesung eingeladen wurde. (Eigentlich hatte ich das hier nur deshalb erwähnen wollen, weil meine Erinnerung mir suggerierte, es wäre Osnabrück gewesen – doch es war Oldenburg) – ich erwähne es trotzdem: denn dort sagten ihr schwule Männer, dass dieser Roman genau ihr Lebensgefühl träfe.
„Glücklicherweise berühren sich alle Territorien an irgendeinem Rand; wir werden alle zu Grenzlandbewohnern. ... die Zwischenregionen, die Regionen des Übergangs, die Tore und Zwischenräume werden zu neuen Zentren ... so wird die überwundene Grenze zur vibrierenden Membran ...“ ein Zitat aus einem konkursbuch der Zeit zum Thema „Revolte, Revolution, Utopie“. Nicht nur auf den Grenzen zwischen schwulen und lesbischen Szenen, auch auf den Grenzen zwischen Ländern und Regionen bewegen sich Karen-Susan Fessels Texte. „Das Leben“, sagt Leo in einer Szene in „Und Abend mit Beleuchtung“, sei ein „einziges beschissenes Sprungtraining auf einem Trampolin. Du kannst keine Bewegung machen, ohne dass irgendetwas anderes mit in Bewegung gerät.“ Keine Bewegung ist möglich, ohne dass etwas anders mitbewegt wird, die „Welten“ berühren sich immer.
Ein wenig zum
zeitgeschichtlichen Hintergrund und zum Verlag in der Zeit, in dem Karen-Susan
Fessel ihre ersten Buchmanuskripte schrieb, möchte ich hier einfügen:
Den einzig schwullesbischen
Verlag Deutschlands, den Querverlag, gab es noch nicht, der lesbische Verlag
Krug und Schadenberg gründete sich erst 1993. Es gab einige – wenige
- Frauenverlage. Mein Verlag existiert seit 1978 und – auch wenn man das
damals noch nicht so nannte – war und ist queer orientiert in einem
weiten Sinne, zwischen den Schubladen, mit lesbischen, weniger schwulen und heterosexuellen
AutorInnen. Ein bisschen war und bin ich eher Verlegerin in einem altmodischen
Sinne: Es wird verlegt, was der Verlegerin aus privaten und politischen
Gründen gefällt, und die Verlegerin „privat“ ist nun mal
bis auf Eskapaden lesbisch.
Aufsehen erregt hatte der Verlag
Ende der 1980er im Rahmen der PorNOdebatte durch Verteidigung
lesbisch-erotischer Provokateurinnen wie Krista Beinstein, die schwule Fetische
in Bilder lesbischer Sexualität einbaute: Toiletten, Leder, Dildos, SM -
oder das Buch und den Film Mano Destra von Cléo Uebelmann. 1990 war das
umfangreiche Frauenfilmbuch Rote Küsse erschienen, etwas später ein
Buch mit Biografien und Porträts Transsexueller in Deutschland, es gab
natürlich mehrere Coming-out-Romane auch in meinem Verlag (diese
Autorinnen schrieben übrigens nur je einen Roman), „allgemein
literarische“ Bücher wie die der damals schon recht bekannten
japanischen Autorin Yoko Tawada, Regina Nösslers erster Roman war
erschienen. Und es gab das „multisexuelle“ erotische Jahrbuch
„Mein heimliches Auge“ (inzwischen hat es „Kinder“, das
schwule und das lesbische Auge), zu dem der Buchladen Erlkönig, ich glaube
es war 1988, in einem ironischen Kommentar notierte: „Liebe Herausgeberin: das heimliche Auge hat doch
für ein Bilderbuch viel zu viel Text, für Feministinnen zu viele
Schwänze, für Schwule zu viele Lesben, für Lesben zu viele
Männer, für Romantiker gibt´s zuviel Schmerz, für
Sadomasochistinnen zuviel Herz! Veröffentlichen Sie doch mal was, das in
irgendwelche Schubladen passt!!“ 1990
war auch die Ausgabe unseres Periodikums
konkursbuch zum Thema „Gender“ – das hieß damals noch
nicht so – erschienen, Judith Butlers berühmtes Buch „Gender
Trouble“ kam 1990 in den USA und erst 2003 auf Deutsch heraus.
Und genau in diese Zeit, bevor
die Genderdebatte nach Deutschland schwappte, zwischen die Schubladen sexueller
Orientierung, an die Ränder und über Grenzen hinaus, die damals auch
in lesbischen Szenen noch gängig waren (beispielsweise wurde ich einmal
aus einem Arbeitskreis zu„Lesben-Sex“ (auf dem Lesbenpfingsttreffen
in Tübingen 1990) hinausgeschmissen, weil ich dieses
schwullesbischtransheterosexuell gemischte Jahrbuch herausgab), genau in diese
Zeit trat Karen-Susan mit ihren in vielerlei Hinsicht grenzüberschreitenden
Themen an die Öffentlichkeit. Sie hat mit ihren Themen gesellschaftliche
Entwicklungen nicht nur dokumentiert sondern war ihnen oft einen Schritt
voraus, ist eine Grenzgängerin gewesen, bevor sich das Wort
„queer“ im deutschen Sprachgebrauch etablierte, ihre ProtagonistInnen
haben unterschiedliche sexuelle Orientierungen, manche sind transsexuell und
transgender, und sie kommen aus unterschiedlichen Ländern, sie reisen.
Schon Tamara in ihrem ersten Buch „Und abends ...“ kam aus
Lettland, in „Bilder von ihr“ Fessels zweitem großen Roman
– ein großartiges Buch über die Erinnerung – geht die
Protagonistin nach Paris. Und trotz des plötzlichen Unfalltodes ihrer
großen Liebe Suzannah wird sie sich dort wieder verlieben: in eine Transfrau.
Die Trauer wird nicht verschwinden, aber sie verhindert auch nicht, dass Leben
und Lieben weitergehen. In „Leise Töne“, 2010 erschienen,
beginnt die Protagonistin eine zweite Liebe schon vor einem Tod. Und nach dem
Tod der einen großen Liebe stellen sich Schuldgefühle ein. Es sind
schwere Themen, diese Grenzwelten zwischen Tod und Leben, verschiedenen Lieben
und Ländern, mitreißend erzählt. Es geht in anderen ihrer
sogenannten Erwachsenen-Romane auch einmal um eine Hebamme, um Kinder mit der
Freundin, um Geburt und Abtreibung, es geht um das Leben in all seiner Vielfalt
und mit seinen Gefühlen. Karen-Susan Fessel hat den Mut,
„große“ Gefühle darzustellen. Angst, Trauer, Liebe.
Ich habe in Besprechungen von Karen-Susans Büchern immer wieder einmal gelesen, dass sie große Gefühle beschreiben könne, ohne kitschig zu sein. Als Unterton in diesen Besprechungen las ich aber zugleich das Misstrauen mit: als sei die Beschreibung großer Gefühle generell kitschverdächtig, und man müsse deshalb so auffällig betonen, dass es kein Kitsch sei. Gefühle sind bei Karen-Susan Fessel keineswegs nur Liebesgefühle. Es geht ebenso um Verlust, Kummer, Angst, um das Gefühl, nicht dazuzugehören.
Immer wieder erzählt sie
auch von Momenten, in denen sich das Leben ändert. In ihrem Roman
„Bis ich sie finde“ ist es Jane – eine transsexuelle
lesbische Frau– die auf dem Motorrad vor der Protagonistin auftaucht, der
rote Staub hüllt die Szene in unwirkliches Licht, legt sich auf die Lippen
der Ich-Erzählerin. Sie spürt in diesem Moment, dass Jane ihr Leben
verändern wird. In „Leichte Töne“ ist es der Moment, in
dem die Protagonistin als Pubertierende die Klavierspielerin das erste Mal
sieht.
Gefühle, die nicht cool
distanziert oder ironisch bis angestrengt lustig erzählt werden, sind
nicht so häufig in der Gegenwartsliteratur lesbischer Autorinnen. Um
„Kitsch“ zu vermeiden – ein Problem, das so übrigens nur
die deutsche Literatur kennt, in anderen Sprachen gibt es nicht mal eine
Übersetzung des Worts Kitsch, man verwendet das deutsche – werden
Gefühle oft vorsichtshalber leise ironisch bis albern oder sehr
distanziert dargestellt.
Karen-Susan Fessel tut dies nicht. Und erzeugt mit ihren Romanen große Spannung mit der Schilderung von Gefühlen, auch von „dunklen“ Themen. Dennoch entlässt sie die Leserinnen immer mit einem positiven Gefühl aus dem Lesesog, nicht unbedingt mit einem klassischen Happyend, aber mit einem offenen Ende, das eine Richtung weist, eine Perspektive aufzeigt. Die ProtagonistInnen in ihren Büchern sind mutig und lassen sich nicht entmutigen, sie suchen ihren Platz in der Welt und finden ihn in der Regel auch.
Natürlich beherrscht
Karen-Susan Fessel die Form der Ironie. Das zeigt sich vor allem in ihren
Kurzgeschichten, z.B. in einer netten kleinen Erzählung über die
Lesung zu einer erotischen Ausstellung in einer Leipziger Galerie. Die
Protagonistin liest zusammen mit Olivia Nüssler. Oder Nüssel. Vor
eitlem Vernissagenpublikum. Muss anschließend bei der Galerie um ihr
Honorar kämpfen. In dieser kleinen Geschichte war eine von meinem Verlag
organisierte Lesung wiederzuerkennen, auch eine der bekannten
Verlagsautorinnen, das schmeichelte der Verlegerin natürlich
(„Abenteuer und Frauengeschichten“) ...
Alle ihre Texte sind –
vielleicht ein altmodisches Wort – aufrichtig in ihrem Einsatz für
Lesben, Schwule, Transsexuelle und andere Outsider und moralisch. Das klingt
ein wenig abschreckend nach langweiliger politisch korrekter Literatur:
politisch korrekt ist sie sicherlich, aber das Gegenteil von langweilig!
Denn Karen-Susan ist eine wunderbare Erzählerin, sie beherrscht die Kunst
des Erzählens mit allen Zeitsprüngen, Zeitverschachtelungen,
Perspektivenwechseln und sonstigen Finessen. Sie kann einen Plot aufbauen (was,
nebenbei, so viele Autoren und Autorinnen nicht beherrschen). Sie kann Menschen so beschreiben, dass sie einem ganz nah
kommen.
Der Verkaufserfolg ihrer Bücher zeigt, dass es
möglich ist, Spannung zu schaffen, Lesesog aufzubauen, ohne sich –
wie es neuerdings viele Autorinnen aus verkaufstechnischen Gründen tun
– dem Genre Krimi zu verschreiben. Natürlich gibt es Autorinnen,
deren Metier Thriller oder Krimi ist, die – auch in Romanen, die sich
nicht so nennen – kunstvoll Grenzen zwischen „normalem“ (in
Anführungszeichen) Alltag und subtiler Bedrohung verwischen – doch
dass es nötig sei, um Bücher gut zu verkaufen, etwas Krimi zu nennen
oder Krimis zu schreiben, widerlegt eine Autorin wie Karen-Susan Fessel, die
Spannung mit anderen Themen, ganz nah am Leben, erzeugt. Es ist wunderbar, dass es Romane lesbischer Autorinnen
gibt, die in einen Spannungssog ziehen und nicht als Krimi gelabelt sind.
Außer „Und abends mit Beleuchtung“ erschienen von ihren bislang, wenn ich richtig gezählt habe, 22 Büchern mit Romanen und Erzählungen und 3 Sachbüchern noch zwei Bücher in meinem Verlag: die hervorragenden lesbischen Erotikgeschichten „Heuchelmund“, 1995 – übrigens auch das eine literarische Kunst, die nicht alle beherrschen, auch in diesem Genre gibt es in lesbischer Literatur viel angestrengt (auch, aber seltener, gekonnt) Lustiges – und ihr einziger – heute würde man sagen „Fantasy“ – phantastischer Roman „Sirib, meine Königin“, .1997.
1997 machte sie auch ihren
ersten Vertrag mit dem Verlag Oetinger über ihr erstes berühmtes
Jugendbuch „Ein Stern namens Mama“, das 1999 erschien.
1996 erschien der Roman „Bilder
von ihr“ im frisch gegründeten Querverlag. Sie hatte mich in einem
Brief darauf vorbereitet: Zwei gute Freunde von ihr würden einen
schwullesbischen Verlag gründen wollen und sie würde ihnen
„quasi als Starthilfe“, wie sie es formulierte, einen Roman geben,
an dem sie gerade arbeite.
Sie machte sich, ihre Literatur,
dem Querverlag zum Gründungsgeschenk – und umgekehrt schenkte ihr
der Querverlag, sich um sie bevorzugt zu kümmern. Und so war es im
Nachhinein betrachtet für beide ideal, dass sie zum Querverlag wechselte,
denn sie wurde dort die best verkaufte Autorin des Verlags. Der Querverlag als
ein lesbisch-schwules politisches Projekt und die politisch sehr engagierte
Autorin Karen-Susan Fessel passen wunderbar zusammen. Ihr mutiges Engagement für
„Outsider“ zeigte sich von Beginn ihres Schreibens an. 1993 wurde
eine ihrer AIDS-Erzählungen von der Literaturwerkstatt Wien ausgezeichnet
und erschien in einer Anthologie, 1995 erschien erstmals ihr
„Selbsthilfe-Handbuch für Menschen mit HIV“ (zus. mit Christiane
Cordes), (1997 bei der Deutschen AIDShilfe). Im Querverlag gab sie das
inzwischen in fünfter aktualisierter Auflage erschienene Lexikon
„out“ zusammen mit Axel Schock heraus, das einzige Lexikon mit
biografischen Portraits schwuler und lesbischer Persönlichkeiten aus
Gegenwart und Geschichte. Und 2010 erschien wieder ein Buch zum Thema HIV. Die
Ausdauer zu haben, sich für schwullesbische Belange mutig über Jahre
hinweg einzusetzen, eine der Grundlagen dieses Preises, die hat sie hundertprozentig.
Dank an dieser Stelle an den Querverlag, dass er diese wunderbare Autorin so
gut betreut!
1999 erschien ihr unter Pseudonym verfassten Roman
„Einer wie ich“, eine schwule Sex- und Liebesgeschichte. Auch damit
betrat sie eine „neue Welt“, lange bevor eine Zeitlang modisch
wurde, dass Lesben schwule Sexgeschichten schrieben.
Natürlich reagierte ich
anfangs ein wenig kindisch eifersüchtig auf ihren Wechsel zum Querverlag
und habe mich vielleicht deshalb ihrem zuletzt bei mir erschienen Buch
„Sirib“ gegenüber ein wenig stiefmütterlich verhalten.
Das ist lange vorbei. Alle ihre bei mir erschienenen Bücher sind
übrigens noch lieferbar, es gibt Nachauflagen.
Und immer wieder schrieb und schreibt sie auch für die Periodika aus meinem Verlag, dichte Texte, so schon 1993 für Rausch und Künste einen wunderbaren Text zum Thema „Gegenrauschen“, über den wilden Rausch des Schreibens und dass man ihn nur durch einen Gegenrausch kanalisieren könne, oder „Vaterblut“ im konkursbuch Blut und vor Kurzem in dem bunten Familienlesebuch (konkursbuch 48) über lesbische Tanten.
Das Schönste in der
Vorbereitung auf diese kleine Rede hatte ich mir für den Schluss
aufgehoben: Endlich einmal habe ich es mir gegönnt, auch Karen-Susan
Fessels Jugendbücher zu lesen, die „für Erwachsene“ aus
dem Querverlag hatte ich je nach Erscheinen gelesen. Natürlich habe ich
noch nicht alle zu lesen geschafft, aber ich freue mich schon jetzt darauf,
dass ich die restlichen Jugendbücher auch nach der Preisverleihung noch
lesen werde.
Es war ein großes
Vergnügen! Ich habe immer wieder einmal Jugendbücher gelesen, wenn
ich meinen Nichten und Neffen etwas schenken wollte, und gar nicht so oft
Bücher gefunden wie diese. Oft habe ich mich gelangweilt, beispielsweise,
weil der pädagische Zeigefinger zu sehr spürbar war.
Konsequent erzählt
Karen-Susan Fessel in allen ihren Jugendbüchern vom „realen“
Leben. Sie schreibt keine der modischen
Fantasy-Vampir-Harry-Potter-ähnlichen Geschichten, die obenan auf
Bestsellerlisten stehen. Andererseits erzählt sie trotz aller
Realitätsnähe auch keine dieser – wie ich empfinde –
für jugendliche Leser fast zu brutalen Geschichten, die kaum eine
„positive“ Lebensperspektive zeigen, die beispielsweise damit
enden, dass ein Protagonist endlich ein bestimmtes Mädchen küssen
darf, einen Kuss, von dem er geträumt, den er geübt hat –
worauf ihm ein Messer in den Bauch gestoßen wird . Solche brutalen
Geschichten, wie man sie auf der Liste der besten 7 Bücher für junge
Leser im Monat Mai 2011 findet, erzählt Karen-Susan Fessel nicht.
In allen ihren
Jugendbüchern kommen verschiedene Welten vor, die aneinander angrenzen und
ineinander übergehen, Menschen aus unterschiedlichen Ländern,
unterschiedlicher Hautfarbe. Sie kann mitreißend aus beiden Perspektiven
schreiben, aus der von Jungs und von Mädchen. Die Reaktionen auf ihren
Schullesungen zeigen, wie gut sie sich in ihre Protagonisten hineinversetzen
kann. Dabei ist es nicht so, dass die Kinder und Jugendlichen, aus deren
Perspektiven erzählt wird, das „andere“ nicht bemerken, bzw.
darüber hinwegsehen, als wäre alles gleich, alles
selbstverständlich. Natürlich bemerken sie das „andere“,
sprechen es auch ungeniert aus. Stellen fest, dass sich Vater und Tochter
ähnlich sehen trotz unterschiedlicher Hautfarbe. Nennen ihren kleinen
Bruder mit Down-Syndrom liebevoll Schwachkopf oder Mongo.
Themen wie Krebs und Tod kommen
in den Romanen vor, Eltern, die sich trennen, Kinder aus sozial benachteiligten
Schichten, ein Bruder, der in eine schizophrene Phase gerät, der kleine
„Downi“ Luke, Aufwachsen zwischen zwei Sprachen, auch die
Ost-Westproblematik gibt es in einem Buch – (Karen Susan Fessel berichtet
übrigens auf ihrer Homepage von einer Lesung vor Zehnjährigen, unter
denen nur noch wenige überhaupt wussten, dass es einst Ost- und
Westdeutschland gab.) – Und natürlich gibt es Bücher zum Thema
Coming-out wie „Steingesicht“. In allen Büchern lernen die
Kinder und Jugendlichen mit dem „anderen“ umzugehen, sie erfahren,
wie wichtig Freundschaften sind, am Ende der spannenden Geschichten stehen
– wie in ihren Erwachsenenbüchern – keine direkten Happyends,
aber es gibt immer ein offenes Ende, das Perspektiven eröffnet und die
Geschichte im Kopf weiter und weitergehen lässt ...
Und immer, auch wenn es nicht um
ein Coming-out geht, spielen in ihren Jugendbüchern lesbische und schwule
Protagonistinnen ganz selbstverständlich eine Rolle, so wie Emma und Kim
in den „Polarchaoten“, Tante Siv in „Feuer im Kopf“ und
so weiter. Auch in den Jugendbüchern geht es um „große
Gefühle“, und genauso wie vorher für die sog.
Erwachsenenbücher ausgeführt, erzeugen ihre Jugendbücher den
mitreißenden Lesesog ohne den Spannungsgenres Krimi oder Fantasy
zugeordnet werden zu müssen.
Ihre literarische Kunst und ihr
Verdienst, der hier geehrt wird, ist auch: dass es ihr gelingt, all diese
„großen“ Themen leicht zu vermitteln und mit dem
selbstverständlichen Vorkommen schwuler und lesbischer ProtagonistInnen
vor allem in ihren Jugendbüchern vielleicht wirklich etwas gegen
Diskriminierungen zu bewirken. Denn ein spannendes literarisches Buch bewegt
mehr als noch so gut gemeinter aber von SchülerInnen oft als langweilig
empfundener Ethikunterricht je bewirken kann.
Wie sehr hatte es mich gefreut,
dass die Verlegerin des Oetinger-Verlags, dem wir viele Kinderbücher
meiner Generation (wie die von Astrid Lindgren) zu verdanken haben, in einem
Interview anlässlich ihres 100. Geburtstages Karen-Susan Fessel
erwähnte!
Ich würde mir
wünschen, dass auch ihre Nachfolger die besondere Kunst der Autorin zu
schätzen wissen.
Auch wenn das nicht direkt mit
dem Rosa Courage Preis zu tun hat, möchte ich zum Schluss der Rede noch
erwähnen: Karen-Susan Fessels Bücher liebe ich auch für ihre
Landschaftsbeschreibungen und Naturschilderungen.
Ich habe eine solche Lust
bekommen, nach Lappland zu reisen, als ich in den Polarchaoten von dem klaren
Blau las, hellblau, dunkelblau, schwarzblau ... und über das Grün des
Polarlichts, über die Sonne, die es nicht über die Berge schafft, die
Sterne, die plötzlich nicht mehr zu sehen sind, kurz bevor es schneit. Das
magische Weiß. Ich ließ mich mitreißen von der
uneingeschränkten Begeisterung Lukes, des kleinen „Mongos“.
Mit seiner Begeisterung reisen können!
Als der Icherzähler Robin
kurz vor Romanende endlich doch noch auf einem Schneemobil mitfahren kann, dem von
Kim – der Freundin des Mädchens, in das er sich ein wenig verliebt
hat – heißt es knapp (in sog. „Jugendsprache“):
„Mit eisernem Griff hielt ich mich an ihr fest, während wir durch
die Nacht rasten, mit brüllendem Motor. Schnee wirbelte auf, der Fahrtwind
brauste in meinen Ohren und über uns strahlte der nächtliche Himmel.
Ein grünlicher Streifen Polarlicht wischte darüber und dann waren nur
noch die Sterne zu sehen. Massenhaft Sterne!“
Ihr gelingt es in allen ihren
Büchern, ob für Erwachsene oder für Jugendliche, die Wirkung von
Landschaft spürbar zu machen: dass Landschaft beglücken kann, helfen,
Probleme zu lösen, dass sie trösten kann.
Und Polarbrot möchte ich
essen. Und Eis in Visby. In dem Roman „Feuer im Kopf“, der mir
neben den Polarchaoten besonders gut gefiel, kommt eine Szene vor, wie die vier
Geschwister zusammen Eis essen. Wie sie sich beim Eisessen noch einmal nahe
waren, bevor das Drama seinen Lauf nimmt, wie solch ein einfaches Ritual
Gefühle erzeugen und verbinden kann, das ist wunderbar erzählt, knapp
und eindringlich.
Auch wenn das nächste
Jugendbuch die Landschaften Serbiens erwarten lässt, für dessen
Verwirklichung Karen-Susan Fessel kürzlich das renommierte
Grenzgängerstipendium erhalten hat, möchte ich doch mit Lappland
enden und mit den Polarchaoten und einem der Begeisterungsausrufe Lukes:
„Hej, Lappland,
ahoi!“ Hej, Karen-Susan, ahoi – vielen Dank für deine
schönen Bücher und meinen allerherzlichsten Glückwunsch zu
diesem wundervollen Preis!
((PS: in meinem Verlag gibt es Fächer für die einzelnen Autorinnen und irgendwo ganz oben noch immer ein Fach für dich, in das alles gelegt wird, was dich betreffend hier ankommt, Rezensionen, Fotos, ... und da fand ich das Bild, das Heidi Kull für dein erstes Buch gemacht hat – ich glaube, da war mal ein Brief zurückgekommen ... hier ist es ...))