Leseprobe
aus „Die Briefträgerin“,
Roman von
Andrea Karimé (S. 38 ff.)
Abu
Hassan also. Ich stieg zurück aufs Flachdach, um ihm wie gewohnt zu
winken, doch da stand nicht Abu Hassan im Gespräch mit Ahmad, nein, eine
Frau, und komisch, ich eilte hinunter zur Tür, streifte den
weinbewachsenen Aufgang, aufgeregt, um zu schauen, ob es einen wahren Grund
für meine Aufregung gab. Die Frau stand im Türrahmen, und etwas daran
war ungewöhnlich. Durch meinen Kopf schossen verschiedene Gedanken, ja,
ich weiß noch genau, wie diese übereinander lagen wie ein Cluster
aus Tönen.
Und
dann schälte sich eine Erkenntnis aus dem Gedankengewirr in den
Vordergrund: Die Frau füllte den Türrahmen komplett aus. Ihr Kopf
stieß fast an sein Ende. Nun erst sah ich, dass die Frau
ungewöhnlich groß war. So eine große Frau hatte ich noch nie
gesehen. Gleichzeitig schaute ich in ihre Augen, frisch und müde zugleich,
das geht doch gar nicht, und kleine dunkle, wie Meereswellen auf- und
abschaukelnde Bögen umrahmten die Lider, oben wie unten. Waren sie
grün oder hellbraun? Das konnte ich erst sehr viel später sagen. In jenem
Moment war ich äußerst verwirrt und suchte noch immer den Grund
für meine Aufregung. Die Frau war schlank, hatte schwarzes schulterlanges
Haar, das von einem schmalen Schal zusammengebunden wurde und war ganz schwarz
gekleidet. „Hallo, ich bin die Nichte von Abu Hassan, er hat sich ein
Bein gebrochen.“ ...
Diese
Nachricht machte mich betroffen. Abu Hassan war ein alter Freund meiner Eltern
und somit auch von mir. Als Kind spielte ich häufig mit ihm, in den
Sommerferien, aber von einer Nichte hatte ich noch nichts gehört. Es
musste demnach die Tochter seines Bruders oder seiner Schwester sein. Aber
halt, gab es da nicht einen seltsamen Bruder, über den man nicht sprach,
oder nur mit vorgehaltener Hand?
Ich
erinnerte mich dunkel. Er floh in die Hauptstadt, irgendetwas war vorgefallen,
doch konnte ich nicht sagen, was. So standen wir eine Weile voreinander, bis
ich sie schließlich hereinbat, einen Tee zu trinken. Meine Stimme musste
kühl geklungen haben oder unfreundlich, denn ich sah etwas Scharfes in
ihrem Blick. Sie winkte ab. Wie Fahnen schwenkte sie ihre Hände.
„Nein, nein, ich bringe nur die Post, solange ich hier bin. Deshalb habe
ich noch viel zu tun.“ Sie überreichte mir ein dickes Bündel
und verließ unser Haus. Aus einem unerklärlichen Impuls heraus rief
ich ihr noch einen Gruß hinterher und eine Einladung, mit mir und meinem
Vater nach ihrer Arbeit den Nachmittagskaffee zu trinken. Mein Vater würde
dann von seiner Arbeit heimgekehrt sein und den Besuch sicherlich
gutheißen.
Was
war in mich gefahren, eine Fremde einzuladen, dachte ich noch, aber meine
Neugierde war geweckt.
Was
bedeutete das: „solange ich hier bin“? Wo kam die Fremde her? Und
warum konnte sie so einfach Briefe austeilen, was sonst nur ein Mann tat?
Zumindest bei uns im Dorf. Es schien, als könnte diese Fremde mich aus
meiner Lethargie retten, indem sie mir auf meine Fragen antwortete. Ja, ich
vermutete in den Antworten den Glanz einer fremden anderen Welt, der auf mich
fallen würde und mir mein Leben zurückzugeben in der Lage war.
„Du
wirst morgen mit Ahmad zu Abu Hassan gehen und ihm Geschenke bringen.“
Die
Nichte von Abu Hassan erschien und erzählte uns nun die ganze Ge-schichte.
Allerdings erst, nachdem mein Vater seinen Schock über ihre
Größe überwunden hatte. Dann aber schien es, als kennte er sie.
Hamida. Seltsam, ich aber konnte mich nicht an sie erinnern. Abu Hassan war
gestürzt bei der Feigenernte, und der Fuß war dabei so
unglücklich aufgekommen, dass er brach. Sie, Hamida, war gerade zu Besuch,
sie studierte in Paris, und es sei selbstverständlich dass sie in der Zeit
aushelfe, bis sie wieder nach Paris zurückkehrte. Mein Vater
schüttelte den Kopf und wies sie darauf hin, dass es sich nicht
gehöre, diese Arbeit als Mädchen zu machen.
„Schau
dich doch an, Mädchen, wie groß du geworden bist. Tzzz.“
„Was
sollen wir tun?“, fragte Hamida, „alle Jungs arbeiten in der
Stadt.“
Mein
Vater schien nicht zufrieden, erholte sich aber sichtlich, als Hamida von ihrem
Studienfach berichtete, Jura.
„Aber
Mädchen, sind dir denn unsere Universitäten nicht gut genug?“,
brummte er und war jedoch schnell zufrieden, als er hörte, dass Hamida
dort mit ihren Brüdern zusammen lebte, die ja schließlich auch das
Recht hatten, im Ausland zu studieren. Beim Zuhören bekam ich heiße und
vermutlich rote Wangen. Das waren Töne, von Hamida stolz und selbstbewusst
vorgetragen, die ein Frohlocken in mir zu wecken vermochten, dass ich alles
vergaß, meine Gefangenschaft und dass ich niemals würde studieren
können, wenn ich nicht bald wieder zur Schule gehen würde.
Ich
schaute Hamida bewundernd an und bat sie, uns alsbald wieder zu besuchen. Mein
Vater stimmte über-raschenderweise zu und schlug vor, dass Hamida mich ja
unterrichten könne, in Jura und französischer Konversation.
„Meine Tochter besucht nämlich im Moment keine Schule, denn sie muss
sich vom Tod ihrer Mutter erholen. Die arme Sara ist krank.“
Ich sah, wie sich eine der Meereswellen in Hamidas Gesicht aufbäumte, aber sagte nichts.
Hamida
kam täglich nach ihrer Arbeit als Briefträgerin für zwei Stunden
vorbei, um mich zu unterrichten. Allerdings hatte sie von Jura keine Ahnung,
wie sich bald herausstellte.
Da
Ahmad kein Französisch konnte, sprachen wir französisch über
meine Gefangenschaft, in belangloser und gelangweilter Manier, damit er keinen
Verdacht schöpfte. Schnell überblickte sie meine Situation und war
empört. Und sie gestand in ein paar Minuten, ich musste schwören, es
nicht weiterzuerzählen, bei meiner seligen Mutter, dass sie schon lange
allein lebte, dass ihre zwei geliebten Brüder sie deckten, und sie immer
Theater spielten.
Ich
erfuhr alles auf Französisch: von ihrem mutigen Kampf gegen den Willen der
Mutter und des Onkels nach Paris zu reisen und dort nicht etwa Jura zu
studieren, sondern Kunst, bildende Kunst.
Sobald
Ahmad auf Toilette war, schlug Hamida einen anderen Ton an. Sie erzählte
mir flüsternd und mit feurig bewegten Augen von ihren Fotografien und
Ausstellungen, und wie gefährlich sie lebte, denn niemals durfte irgendwer
außer ihren Brüdern erfahren, wie sie wirklich lebte.
Ich lechzte nach Einzelheiten ihres Lebens, und ganz allmählich kam wieder Farbe in mein Gesicht. War es die Freude über meine neue Gefährtin? Oder war es der Trost, den sie mir aussprach, die Hoffnung, die sie in mich pflanzte. „Sara, wir holen dich hier raus, ich kriege immer meinen Willen. Ich weiß nur noch nicht, wie.“
Eines
Tages sagte Hamida, mit mir über die Bücher gebeugt: „Sara, du
bist schön, wärest du in Paris, könnte ich dich
fotografieren.“ Erschrocken fuhr ich hoch, schaute zu Ahmad, doch der
schien sogar ein wenig eingenickt. Nervös klappte ich mein Buch zu und
erklärte die Sitzung für beendet. Hellbraune Augen – ich hatte
die Augenfarbe inzwischen registriert – schauten mich fragend an, jedoch
packte Hamida wortlos ihre Bücher ein und ging. Aha, was war das?
Gefährtin schön und gut, dachte ich, doch wie kann sie es wagen, mich
derart zu kompromittieren?
Am
nächsten Tag begegnete ich Hamida kühl. Als Ahmad auf der Toilette
war, küsste Hamida mich einfach, und zugegeben, es schmeckte
süß, nach Feigen und Honig. Es schmeckte nach mehr, doch schrak ich
zurück und bat sie zu gehen. Mein Herz war verwirrt und schäumte wie
wildes Wasser. Und erst mein Körper, überall spürte ich noch den
Kuss, den süßen Kuss auf der Haut, den Haaren und an einer Stelle,
die ich damals noch nicht einmal benennen konnte. Ha!
Ich
versteckte mich drei Tage und drei Nächte unterm Bett, kommunizierte mit
dem Staub dort, der gut zu mir war wie eine Großmutter, da fühlte
ich mich wohl, das heißt, wenn Ahmad und mein Vater kamen, tat ich krank
und lag natürlich auf dem Bett. Ich bat Ahmad am nächsten Tag, Hamida
auszurichten, dass ich krank sei und keinen Besuch empfangen könne.
Ich
hielt sie für eine Verrückte, das musste der Grund sein, dass Abu
Hassan seine Nichte mit Vorbehalten begegnete, oder? Ich wollte nichts mehr von
ihr wissen.
Doch
Hamida ließ nicht locker. Jeden Tag brachte sie einen Brief, in dem sie
auf Französisch ihre Liebe gestand. Ungeheuerlich, aber angenehm benebelnd
war das. Ich erkannte an meinen Reaktionen, das Herz auf der Flucht, den Kuss
noch wie weiche Federn auf der Haut, und schließlich seltsam
bestürzende Gefühle in der Region zwischen den Beinen
(„Möse unter Wasser“, sagen wir heute, süße Houda),
dass ich in Hamida verliebt war.
Unfassbar!
Sie nannte mich ihren Mond in den Briefen. Mond, Mond, Mond, und am vierten Tag
ergab ich mich. Ich empfing Hamida, und als Ahmad auf der Toilette war,
küssten wir uns, und ich erwiderte dies diesmal, so als hätte ich
tagelang gedürstet und jemand würde nun Wasser in mich
einfüllen. Ich wurde fast ohnmächtig von der Menge des Wassers und
der Wucht der Gefühle, mir schien, als verschwände ich kurz, und fast
schaffte ich es nicht, mich wieder zurückzuholen und zu beherrschen. Da
kam Ahmad zurück.
Nur
kurze Augenblicke waren es, die wir für uns hatten. Um seine Blase
anzuregen, gewöhnte ich mir an den darauf folgenden Tagen an, ihm Tee
anzubieten und war beleidigt, wenn er ihn nicht annahm. Hamida besorgte ein
starkes abführendes Kraut, das sie in den Tee mixte. Wegen des hohen
Zuckergehalts merkte Ahmad nichts. Er blieb allerdings danach eine halbe Stunde
weg. Zeit genug für uns, uns frech aneinander zu reiben und bis kurz vor
der Bewusstlosigkeit zu stimulieren. Am nächsten Tag war Ahmad krank und
lag den ganzen Tag auf seinem Feldbett. Vater bat Hamida, sich noch ein wenig
mehr um mich zu kümmern. Sie ließ sich nicht lange bitten.
Wir schliefen miteinander, jeden Nachmittag taten wir es. Ich ließ mich von neuen Lustgefühlen leiten, von meiner bisher unentdeckten Leidenschaft. Ich lernte ihre deftige Sprache kennen, die sie mir in kleinen Portiönchen verabreichte. Jedes Mal war ich stark irritiert, wenn sie meinen Brüsten, Beinen, Möse oder Po neue Namen gab. Mit der Zeit aber lernte ich, all die leckeren Rundungen und Öffnungen nicht nur schamlos zu erforschen, sondern auch zärtlich vulgär mit Worten zu liebkosen. Zwischendurch dachte ich an die Folgen. Was würde passieren, wenn...
...
Der
Tag, an dem ich Hamida das letzte Mal sah, war süß und schwer, wie moglieh. An diesem
Tag ging die Sonne, deren Strahlen immer noch sommerlich entschieden waren,
eher unter als sonst. Hamida kam wieder, schwer bepackt mit Einkäufen, und
ein wenig Hinterlist ließ ihre Nase kräuseln.
Heute
würde etwas Besonderes passieren. Wie Recht sie hatte!