Dagmar Fedderke: Geschichte mit A
Leseprobe
Gestern abend war ich wieder mit A. verabredet. Am Telefon
hatte er mir angekündigt, dass sich etwas verändert haben
würde. Da mein Französisch nicht perfekt ist,
überlasse ich mein Verständnis oft dem Erahnen und vieles
läßt sich sowieso nicht direkt übersetzen. Ich machte
mich also einfach auf eine Überraschung gefaßt. A. liebt
beides, und beides stürzt mich gleichermaßen in Panik.
Nicht ganz zu unrecht.
Kurz vorher kündigt er an, was geschehen wird. Nein, nicht, was
geschehen wird, sondern was er machen wird, und welchen Ereignissen
ich ausgesetzt sein werde. Im Vorfeld horcht er mich aus nach dem,
was mir "Plaisir" bereiten würde. Das tut er in Momenten, in
denen ich mir so gut wie alles vorstellen kann
Schon im Fahrstuhl zu
seinem Appartement veränderte sich A.s Gesichtsausdruck. Die
Augen bekamen einen kalten Glanz. Kaum in der Wohnung, riss er mir
die Kleider herunter, die guêpiére wurde um, die
Strümpfe angeschnallt, der Slip flog in die Ecke und ich aufs
Bett.
"Salope, putain, tu seras punie, je te veux soumise.." (Schlampe,
Hure, du wirst bestraft, ich will dich unterwerfen.)
Er zog eine Schublade auf, holte ein schwarzes Seidentuch heraus und
verband mir die Augen. Meine Erregung steigerte sich bis an den Rand
des Erträglichen.
In das Schaudern hatte sich Angst eingemischt. Ich konnte die
Ungewissheit nicht mehr ertragen, lüftete das schwarze Tuch vom
rechten Auge und sah ihn, mächtige Stricke sortierend. Er
bemerkte das, brauste auf und schrie mich an, das wär das
Letzte, tu te prends pour qui" (für wen hältst du
dich), und drohte mir mit zusätzlicher Bestrafung. Dann warf er
mich auf den Bauch, rollte mich zurück, verknotete Seile um jede
Fussfessel und spannte sie quer durch den Raum so,dass die Beine
gespreizt waren. Mein Herz raste. Ich bekam Angst, vor Erregung zu
sterben. Mein Herz", keuchte ich. Ich bin nicht dein
Herz, ich bin dein maître (Meister)", fauchte er entgegen.
Aber nein, nicht du, mein Herz, meine Gesundheit", konnte ich
noch hervorbringen, und er ließ mir einen Moment, um zum Atem
zurück zu finden.
Dann kündigte er an, dass er mich schlagen würde, je
te donne des baffes" (ich gab dir Ohrfeigen", und wenn sie zu heftig
würden, dürfte ich nicht aufhören" sagen, es
gäbe nur ein Wort, das ihn anhalten könnte:
pitié" (Erbarmen). Er gab mir welche, die waren nicht
von schlechten Eltern. Ich sah Sterne und bei der letzten dachte ich,
mein Unterkiefer hätte sich aus den Angeln gehoben. Was für
Momente! Was liegt der Unterwerfung zu Grunde? Je ne sais pas. Der
Körper spielt die Hauptrolle, das ist angenehm. Aber in
Blitzesschnelle jagt Angst vor Zerstörung ins Blut, wie eine
Injektion. Gleichzeitigkeit der extremen Empfindugen: Genuss und
Schmerz überlagern sich wie Folien beim Trickfilm. Ja, da
läuft ein Film ab. Dann hat er meine Fesses mit dem martinet
(kleine Lederpeitsche) bearbeitet. Er kündigte fünf
Streiche an und fragte, ob ich ein Stück Holz zum
Draufbeißen haben wollte, dann ich dürfte nicht schreien.
Ich wollte keines. Erregung und Schmerz erzeugen Schweiß,
Erschöpfung, Stärke. Wie weit die Sinne gehen können:
Schmerz, Zärtlichkeit, ein Gefühl von Befreiung,
Ausbreitung im Nichts, erholsam. Gleichzeitigkeit der Temperaturen:
Eskimo und Feuerland, die R's vom französischen Rokoko und von
der deutschen Romantik, eine blaue Blume auf dem weißen
Hinterteil der sodomierten Soumise. A. hatte mich noch nicht
sodomiert. Aber er zerrte mich zum Flur und würgte meinen Kopf
an den Türspion. Am Treppenansatz ist ein Gitter, in dem der
Fahrstuhl auf- und abgeht. Warum gibt es kein Wort zur Beschreibung
einer Stimme, die bedrohlichen Druck ausübt? Vielleicht am
ehesten posaunen". Das ist aber zu laut. Welches Instrument ist
eindringlicher, nicht schrill und nicht dumpf, einfach nur
unterdrückend? Der Himmel ist verhangen, die Erde voll
Schnee, und ich bin gefangen tief unten im See
" Wie heiß
das werden kann. An das Gitter wollte er mich fesseln, für 5
Minuten. Mich in meinem Nuttenkostüm am Treppenabsatz ausstellen
und dem Zufall überlassen, ob jemand vorbeikommt. Nachdem er
meinen Körper zum Glühen gebracht hatte, entzündete er
damit seine Phantasie. Endlich kam mein pité !!!"
Ich schätze A. wegen seiner klaren Instruktionen. Er legt die
Abmachungen fest, aber ich kann mich darauf verlassen, dass er sie
einhält. Nach den Szenen meiner Unterwerfung gibt es eine
Erlösung in Zärtlichkeit. Wie leicht es ihm fällt,
mir, meinem Körper nahe zu sein und mir gar gut zu tun. Er
stürzt mich in Gefahr und rettet mich, tröstet mich. Er
tröstet mich sogar nach dem Donner- und Doria" des
Orgasmus. C'est fini, mon amour, calme-toi, c'est fini." (Es
ist vorbei, meine Liebe, beruhige dich, es ist vorbei.)
Danach gingen wir Essen. Ich packte viel Make-up auf die geschlagenen
Wangen. Mein Rock erschien mir zu kurz, er konnte die Tatsache der am
Korsett befestigten Strümpfe nicht verdecken. Aber in seiner
Gegenwart war mir all das ganz egal (quelle honte, was für eine
Schande). Beim Essen leitete er mit vollendeter Höflichkeit eine
sehr persönliche Frage ein, die zu beantworten er mir offen
liess. In meinem Wesen sei etwas très touchant" (etwas
sehr Rührendes, aber das ist schlecht übersetzt, die neue
Wortschöpfung aus der Psychoanalyse: anrührend, passt
besser), ob es in meinem Leben ein schwerwiegendes Ereignis"
gegeben hätte. Einen Moment lang versuchte ich auf Erinnerungen
zurückzugreifen, aber in seiner Gesellschaft ist mir meine
eigene Geschichte unzugänglich.
was muss ich morgen machen? Gibt es vielleicht mal einen Tag,
der nur einfach so gelebt werden kann, ohne dass ich etwas
bewältigen" muss? Nein. Es gibt keine Ruhe, es geht weiter
und weiter und weiter.
Kaum hatte ich Atem holen können, lag ein dritter Besuch im Dix
Bis, dem Partouze-Etablissement an. Diesmal, wieder nach einem
Kinobesuch, nahmen wir die Mêtro zur Porte Mailot. Dort an der
Ecke gibt es glitzerndes Bistrots. In irgendeinem wollten wir noch
eine Kleinigkeit essen. Aber alle waren dermaßen voll, dass man
keinen Platz kriegen konnte. Es fing nicht gut an. Wir landeten in
einer schäbigen Bar und aßen primitiven Salat. A.
stöhnte auf, er fühlte sich um Jahre zurückgeworfen,
in die Zeit, als es noch kein Geld hatte.
Im Dix Bis setzte sich die unglückliche Konstellation fort. Sie
kennen uns dort jetzt schon, der Schwule, der die Jacken verwahrt und
das Geld kassiert genau so wie die hübsche Schwarze hinter der
Bar in dem Spiegelkugeln-durchblitzten Vorfeld zu der Etage mit den
Lagern. Es gab einen hübschen und doch irgendwie
unmöglichen Typen, der mit einer ganzen Truppe da war. Der
stellte sich immerzu neben mich, kam bei unseren
Erkundungsgängen hinterher, A. verabscheute ihn, und ich wollte
nichts tun, was A. unangenehm sein könnte.
Sehnsuchtsvoll blickten A. und ich um die Ecke zu dem Lager, auf dem
wir es beim ersten Besuch so toll getrieben hatten. Dort waren
diesmal zwei Frauen mit sich beschäftigt, mein Gigolo-Verfolger
mischte sich dazu, er nahm die eine von hinten. Im Türrahmen
erschien ein etwas älterer Monsieur, ich war noch gar nicht
ausgezogen, und er griff an meine Titten. Er sagte: Sie zittern
ja, kommt das von Ihrer Begierde?" Ich weiß nicht warum, aber
ich mochte ihn nicht. A. hatte sich schon wieder weiter auf den Weg
gemacht, ich wollte nicht unhöfflich sein gegenüber dem
Alten, schließlich geht man nicht ins Dix Bis, wenn man nicht
bereit ist, es mit jedem zu treiben. Trotzdem konnte ich mich nicht
überwinden und versuchte A. wiederzufinden. Ich fand ihn. Im
allerdunkelsten Raum. Wir zogen uns aus. Ich sucierte ihn. Eine Frau
gesellte sich dazu. A. sucierte sie. Ich hatte nichts zu tun.
Peinlich?
Wieder stand ein kicherndes, angezogenes Paar am Rande und A., mein
Herzblatt, versuchte, die beiden zum Mitmachen aufzufordern, aber es
gelang nicht, die wollten nichts als Zuschauen und Kichern.
Dann kam mein Alter dazu, rollte mich auf den Bauch, packte mich an
der Korsettaille und brachte mich in die Hockstellung. Er penetrierte
mich, und ich stellte fest, dass sein Teil" mal wieder eines
von den ganz großen war. Es ist seltsam, die Penetration
erregte mich immer so sehr, aber noch nie im Leben hat sie mich zum
Jouieren gebracht. Klitoral und vaginal, das geht bei mir
durcheinander. Wann werde ich das endlich klären
können?
Plötzlich zog sich mein Monsieur zurück. Die distanzierten
Zuschauer kicherten. Neben mir sucierte A. immer noch die Chatte der
Fremden.
War das alles lächerlich, allem voran ich, in meiner
Erregung?
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