Chagall ist schuld. Ostwestgeschichten.
LESEPROBE
Das Pressecafé
Copyright konkursbuch Verlag Claudia Gehrke.
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Waren die Tische rund, waren sie viereckig, lagen weiße Decken darauf?
Vier Gäste passten an einen Tisch. Es war fast unmöglich, von
woanders einen fünften Stuhl heranzuziehen. Die Stühle waren aus
dunklem Holz, ihre Sitze mit Stoff bezogen, die Lehnen gepolstert. Oder standen
da Holzstühle, die sich stapeln ließen? Hingen Kronleuchter von
einer stuckverzierten Decke, Bilder an den Wänden? Waren darauf
Stillleben, Landschaften oder Porträts von wahrheitsliebenden
Zeitungsmenschen zu sehen? Die Fenster waren schmal und hoch, die nikotingefärbten
Stores zur Seite gerafft. Aus dem Gesumm verschiedener Sprachen und dem
Klappern von Geschirr löste sich ab und zu ein Lachen. Die
Presseerzeugnisse, die dem Café seinen Namen gaben, sprachen nur eine
einzige Sprache, Lachen kam darin nicht vor. In Holzschienen geklemmt hingen
sie an einem Garderobenständer wie schlappe Fahnen. Eine S-Bahn fuhr ein
und fuhr wieder ab, man hörte das grummelnde Geräusch der fahrenden
Bahn.
Ich schob mich durch die Drehtür
und war woanders. Oder trat ich durch den Spalt eines Vorhangs aus grünem
Filz auf diese Bühne aus Gesichtern, Blicken, Stimmen und Zigarettenrauch?
Nicht nur ich, alle Ein- oder Auftretenden hielten vor dem Eingang inne,
reckten blinzelnd den Hals und strebten dann einem freien Stuhl zu. Kellnerinnen
mit runden weißen Schürzchen und Kellner in Schwarz jonglierten
schwer beladene Tabletts durch die Enge zwischen den Tischen. Die Gäste
aßen, tranken, redeten, lasen Zeitung, rauchten Zigaretten, winkten der
Bedienung wie Gäste in jedem anderen Café, doch hier lächelten
fremde Leute einander an und fingen an zu reden. Das Lachen schallte über
die Tische hinweg durch die Luft, am Nachmittag, wenn niemand mehr als zwei
Gläschen Cognac oder ein, zwei Glas Wein intus hatte.
Draußen auf der
Friedrichstraße gingen Leute ernst und in Eile vorbei, so eilig, ernst
und versteckt, wie auch ich mich da draußen gab. Hier drinnen, nur durch
die Scheiben der hohen Fenster von ihnen getrennt, sah ich mich neugierig um,
und wenn ich im Gespräch mit einem mir unbekannten Menschen etwas komisch
fand, lachte auch ich unbekümmert los. Mein Lachen klang mir weder
gequält noch übertrieben und was ich sagte, war einfach, es war
unverstellt von Geboten. Ich nahm keine Hand vor den Mund, wenn ich Kritik oder
Begeisterung über das Leben von mir gab. Es war ja mein Leben. Aus dem
einengenden Allerweltskostüm war ich in ein Kleid geschlüpft, dessen
Schnitt und Stoff mir passten. Ich war auf einmal die, die ich gerne wäre,
und ich übte mich mit mir.
Manche Gäste waren von hier,
andere von drüben. Im Pressecafé war das kein Anlass für
scheele Blicke oder achtungsvolles Getue. Pass auf, was du sagst und
hörst, die Parole galt hier nicht. Ein Blickwechsel, ein Lächeln,
eine angebotene Zigarette, eine heruntergefallene Streichholzschachtel, die
Frage, wann endlich die Serviererin käme, schon war man im Gespräch.
Woher, wohin? Staatsoper? Links raus, dann links die Linden runter. Berliner
Ensemble? Schräg da drüben, zwei Minuten von hier. Ja, einmalig, das
Brechttheater. Die Weigel als Mutter Courage, der Kaiser als Mackie Messer,
großartig. Im Kabarett „Die Distel“ hier oben im Haus
war’n Sie noch nicht? Da müssen Sie unbedingt hin. So ging es hin
und her, doch eigentlich redete man vom Wetter. Über die Heftigkeit des
Niederschlags tauschte man sich gegenseitig aus, über vergangene und
bevorstehende Kälteschübe, ungastliche Luftbewegungen. Für
Spitzel gab es viel zu horchen und zu gucken. Zähneknirschend werden sie
sich dem Ton angepasst und der Atmosphäre nicht haben entziehen
können, dem Geist der Offenheit, der sich an manchen Orten zu keiner Zeit
ersticken lässt. Oder hat den Lauschern ihre Arbeit im Pressecafé
sogar Spaß gemacht, haben sie ihre Berichte etwas eleganter formuliert?
An der Buntheit der Gäste im
Pressecafé und der weltoffenen Atmosphäre änderte sich auch
nach dem Mauerbau kaum etwas. Mag sein, dass man anfangs den Ton dämpfte
und sich jeder auf seine Weise Mühe gab, unauffällig zu wirken. Doch
ein Klima aus Vorsicht und Reserviertheit passte nicht zum Pressecafé,
auch nicht nach dem 13. August 1961. Hier saßen, tranken, aßen,
unterhielten sich und warteten nach wie vor Leute ohne eingezogene Köpfe.
Es war besonders, es war anders, ich
fühlte mich zu Hause. Mein Blick durch ein Fenster auf die Straße
verwischte sich nach und nach zur Aussicht auf eine hellere Zeit. Der Geist,
der über uns wachte, zwinkerte mir zu: Nimm etwas von mir mit nach
draußen, puste mich in alle Winde.
II
Im Mai 1961 hatten wir uns in Westberlin kennengelernt.
War ich bis zum 13. August nach der Arbeit oder am Wochenende mit der S-Bahn zu
Pete nach Schöneberg gefahren, fuhr Pete nun zu mir nach Berlin-Mitte.
Zwei- oder dreimal in der Woche waren
Pete und ich um Viertel nach fünf im Pressecafé verabredet. Wir
küssten uns auf die Wangen, tranken Kaffee, Cognac, Atmosphäre,
drückten unterm Tisch unsere Knie aneinander, redeten über dies und
das, auch übers Wetter, zahlten und gingen dann die Friedrichstraße
rechts herunter über die Weidendammbrücke an der Deutschen Bücherstube
vorbei in die Oranienburger Straße zu Frau Kleinerts Wohnung. Dort
angekommen, mussten wir erst das Wohnzimmer meiner Kette rauchenden
Zimmerwirtin durchqueren, die bereits auf uns wartete. Heiser berlinernd lud
sie uns zum Mittrinken ein, nur ein kleines Gläschen, ihr Süßen,
und hob uns die dreiviertel geleerte Flasche entgegen. Pete war der Frau
sympathisch und der Genossin nicht geheuer. Für die Genossin war jeder Ami
ein Böser, aber mit Marlboroschachteln und ehrlich gemeinten Komplimenten
hatte Pete den Argwohn der Genossin nach und nach zerstreut, bis sie
schließlich ganz und gar begeistert von ihm war. Meine angetüterte
Wirtin, ihr Sofa, zwei Gläschen und die Zeit einer Zigarettenlänge
waren die letzte Hürde, ehe wir das möblierte Bett erreichten.
Da ich zwei-, dreimal in der Woche zur
gleichen Zeit im Pressecafé auftauchte, blieb es nicht aus, Gesichter
wiederzuerkennen, zu grüßen und gegrüßt zu werden. Auf
Pete musste ich oft warten. Nie konnte er vorher wissen, wie viele
Ausländer mit ihm am Checkpoint Charlie nach Ostberlin einreisten, wie
lange sich die Kontrollen hinzogen. In der Luft des Pressecafés, dem
rauchigen Gemisch aus Spannung und Großkariertheit genierte ich mich
nicht, allein am Tisch zu sitzen, mir einen Kaffee und einen Cognac zu
bestellen, mich umzuschauen, zur Tür zu sehen, den Platz zu wechseln, weil
am Tisch eines Bekannten ein Stuhl frei war. Unbekümmert ging ich darauf
ein, wenn mich einer der beiden Männer, die hier offenbar ihre Zelte
aufgeschlagen hatten, ansprach, ich ergriff sogar selbst die Initiative,
jedenfalls bei dem einen. Ich wartete. Man wusste, auf wen. Der Erwartete
würde sich, kaum dass er auf dem von mir verteidigten freien Stuhl Platz
genommen hatte, mit seinem wunderbaren Deutsch und seinem Humor mühelos in
jedes Gespräch einklinken.
Einer dieser beiden Stammgäste
war ein strammer Mann Anfang, Mitte dreißig, Trenchcoat, Anzug und
Krawatte, im Außenhandel tätig, Raucher stinkender filterloser
Zigaretten. Von der zweiten Gegenüberstellung an begrüßte er
mich mit Handschlag. Sein Interesse an mir war mir unangenehm und schmeichelte
mir. Nach seinen Fragen meine Arbeit, Interessen und Befindlichkeiten
betreffend schob er Kopf und Stuhl näher zu mir heran. Seine Stimme nahm
einen vertraulichen Ton an. Es ging nun um meinen Freund und mich, das Ost-West-Paar.
Ob wir uns gut verstünden, ob wir wirklich glücklich wären,
wollte er wissen. Er fragte mich aus, als wollte er mich von Pete abwerben.
Erstaunlich, wie er Mimik und Körpersprache sofort auf freundliche
Beiläufigkeit umstellte, sobald das Objekt seiner Fragen am Tisch
auftauchte. Pete, der die Funktion des Anzugträgers von Anfang an
durchschaut hatte, spielte wortreich den Ahnungslosen. Ungefragt verriet er dem
Spitzel, dass wir einander über die Mauer hinweg liebten und heiraten wollten.
Da Eheschließungen mit Angehörigen von Nato-Staaten untersagt waren,
wüssten wir nur nicht, wie. Den Kopf schräg gehalten, lauschte der
Mann den Bekenntnissen meines Freundes. Dabei setzte er das
einverständliche Kopfnicken ein, das man in Fernsehübertragungen von
Volkskammersitzungen an allen eifrigen Genossen beobachten konnte.
Als mich der eifrige Genosse zwischen
Weihnachten und Neujahr, wenige Tage vor meiner Flucht,
alleine wartend erwischte, schob er grußlos den Stuhl sofort näher
zu mir heran. Er hätte eine Neuigkeit für mich. Für ihn als
Angestellten des Außenministeriums wäre es ein Kinderspiel, mir zur
garantiert sicheren Einreise in den Westen zu verhelfen. Als ich die Augen
verdrehte, rückte der hilfsbereite Genosse heraus, dass allerdings mit dem
Erfolg des Unternehmens eine Bedingung verknüpft sei, als Honorar
sozusagen. Ich begriff. Scheißkerl, dachte ich. Die einzige
Möglichkeit, der Falle zu entgehen, war, kein Wort mehr zu sagen.
Der andere Stammgast, der Wert darauf
legte, mit uns, bevorzugt jedoch mit mir allein ins Gespräch zu kommen,
war Dozent für mittelalterliche Geschichte an der
Humboldt-Universität. Der Mann war schon alt, mehr als doppelt so alt wie
ich, mindestens Mitte vierzig. Aus seinem langen Hals ragte der Adamsapfel. Die
Schulterpolster seines Jacketts hingen etwas fehl am Platz über seinen
Oberarmen. Das Jackett, die Hose, das Oberhemd, die Krawatte, die fahle
Gesichtshaut, die Stimme, die Haare auf dem schmalen Schädel, alles am
Herrn Doktor machte einen zerknitterten Eindruck. Ins Pressecafé ging er
wohl in der Hoffnung, einer gutmütigen und nicht dummen Frau zu begegnen.
Erleichtert kam mir der Herr Doktor vor und für eine Sekunde wie
verjüngt, wenn er vom Stuhl aufsprang, sobald ich eingetreten war, mich
vorsichtig an seinen Tisch winkte und zu einem Cognac einlud. Er redete viel,
lächelte selten und lachte nie.
III
Auch am Nachmittag des 30. Dezember 1961, ein paar
Stunden vor meiner Flucht, schien mein blasser Verehrer auf mich zu warten. Auf
seine staksige Art stand er vom Stuhl auf, mit verhaltener Freude bat er mich
an seinen Tisch. Pete und ich waren zwischen Viertel und halb fünf
verabredet. Alles sollte aussehen wie immer.
Den Abend zuvor hatten wir bis nach
elf Uhr bei Sophie, meiner Lieblingskollegin und Abteilungsleiterin, verbracht.
Sophie und ich wollten zusammen durch die Mauer nach Westberlin. So war es
geplant. Pete war durch Züricher Straßen gelaufen, hatte in
Cafés gesessen, Tanzlokale besucht und alle Mädchen angesprochen,
die vom Typ und Alter her in Frage kamen. Ein Mädchen ließ sich
erweichen und lieh ihm ihren Pass für mich. Für Sophie hatte Pete
keinen Reisepass auftreiben können. Sophie war über fünfzig und
auffallend klein, ein Mensch, dessen Körperlänge sich in diametralem
Gegensatz zur Größe der Persönlichkeit befand, eine Frau mit
dem ungewöhnlichsten Gesicht, das man sich vorstellen konnte. Niemand
besaß solche gotisch geschwungenen Augenbrauen über hellen Augen mit
spöttischen Fältchen in den Winkeln und mit melancholisch schweren
Augenlidern, niemand hatte eine so hohe und kühne Stirn und einen Mund wie
eine lächelnde Sichel. Ein Typ wie Edith Piaf wäre in Frage gekommen,
aber die Piaf war unerreichbar. Es war also Pete nicht gelungen, in Zürich
eine Frau zu entdecken, deren Körpergröße und Gesicht nur
annähernd mit Sophie zu vergleichen waren. Sie war darauf gefasst, sie
nahm es hin. Auf ihre sachlich besorgte Art war sie froh für mich.
Wenigstens Sie, mein liebes Adlermädchen. Von einer befreundeten
Ärztin hatte Sophie eine Schachtel Pervitin erbeten und erhalten, Pillen,
die Schauspieler gern vor der Premiere einnehmen. Man ist hellwach und bleibt
trotzdem ruhig.
Bei Sophie, am Vorabend, hatte ich die
ersten drei Pillen geschluckt und während sie zu wirken begannen versucht,
Schwyzerdütsch zu sprechen. Sophie wusste wenigstens, dass in der Schweiz
das weiche ch, wie zum Beispiel beim Ich, hart ausgesprochen wird. Mir war
Schwyzerdütsch völlig unbekannt, doch die wienerische Sprechweise
eines ehemaligen Dozenten konnte ich recht gut imitieren. Den Herrn hatte ich
nicht gemocht. Menschen nachzuahmen, die ich nicht mag, ihre Bewegungen, ihr
Lachen, ihre Sprechweise, hilft mir auch heute noch, Abneigungen zu
verarbeiten. Ein Giftzwerg mit theatralischem Singsang, den wir mit Herr
Professor anreden mussten, hat also dazu beigetragen, dass ich den
Grenzübergang von Ost nach West ohne Schaden hinter mich brachte.
So weit aber waren wir am Abend des
29. Dezember noch nicht, als ich bei Sophie unter ihrer und Petes Assistenz
wienerisch mit hartem Rachenlaut radebrechte und mir Pete den Schweizer Pass
mit dem Foto eines Mädchens in die Hand legte, das so alt war wie ich und
offenbar schon um die halbe Welt gereist war, was ich an den vielen
Visums-Stempeln sah, deren Inhalt ich mir hier und jetzt sofort einprägen
musste, weil Pete aus Gründen, die er mir nicht verriet, den Pass wieder
mitnehmen musste; als mir Sophie hundertfünfzig Mark in die Hand
drückte, für einen Wintermantel, in dem ich als Schweizerin eine
überzeugendere Figur machen würde als mit meiner abgeschabten Jacke,
einen schicken Mantel, den ich mir morgen in der Mittagspause noch besorgen
sollte.
In der Nacht nach dem Besuch bei
Sophie und dem stummen Abschied von Pete, der bis Mitternacht durch die Grenze
sein musste, hatte ich die Augen zugedrückt und nicht geschlafen. Die
ganze Nacht wälzte ich mein lautes und rasendes Herzklopfen von einer
Seite auf die andere und wiederholte im Kopf die Länder, Städte und
Daten im Pass des Züricher Mädchens. Am Morgen war ich pünktlich
wie immer zur Arbeit. Sophies ernste Blicke auf mich, ihr ermunterndes
Kopfnicken. Die Stunden rasten auf der Stelle neben mir her und an mir vorbei.
In der Mittagspause musste ich mir nicht nur einen Mantel kaufen, sondern auch
meinen Vater im Krankenhaus besuchen. Morgen, Silvester, sollte er wieder zu
Hause sein. Ich war Silvester zum Hochzeitsfest eines Freundes in Adlershof
eingeladen. Unausgeschlafen, vollgepumpt mit Aufputschtabletten, wissend, was
mein Vater nicht ahnen durfte, kühl neben mir stehend, spielte ich die
Rolle der ängstlichen Tochter, als ich ihn anflehte, gleich morgen meine
Tagebücher zu vernichten. Er fände sie dort und dort in meinem
Zimmer. Warum das? Bei Leuten, die mit Amerikanern befreundet waren,
würden unangemeldet Hausdurchsuchungen durchgeführt. Hätte mir
jemand gesagt, der es gut meinte. Meinen Tagebüchern hätte ich Dinge
anvertraut, die Freunde und Familie belasten könnten. Mein Vater, etwas
verwundert, versprach mir, sie verschwinden zu lassen. Also bis übermorgen,
Neujahr zum Mittagessen, so verabschiedeten wir uns. Mein Vater war auf dem
letzten Treppenabsatz stehen geblieben. Er winkte. Ich drehte mich um und
winkte zurück. Müde lächelnd und hoffnungsvoll sah er mir nach,
bis ich aus seinem Blickfeld war. Ich wusste nicht, ob ich ihn jemals
wiedersehen würde. Ich
musste noch den Mantel kaufen. Es war der rote Damenmantel im Schaufenster der
Oberbekleidungs-HO gleich neben der Deutschen Bücherstube. Noch jahrelang
musste ich ihn bei Kälte tragen. Ich bat darum, ihn gut zu verpacken und
zu verschnüren und brachte den Rest meines Arbeitstages und den stummen
Abschied von Sophie hinter mich.
Das Mantelpaket stellte ich neben
meinem Stuhl ab, als ich am Tisch des erfreuten Dozenten Platz nahm. Wieder
einen Cognac? Ich nickte. Er winkte, bestellte und fing an zu reden. Der Cognac
wurde serviert, ich nippte daran. Der Mann kam mir heute besonders aufgeregt
vor. Nicht nur die geröteten Wangen, der ergebene Gesichtsausdruck, die um
Sicherheit bemühten, fahrigen Handbewegungen, auch alle anderen Geräusche
und Bewegungen um mich herum berührten mich mit einer Deutlichkeit, als
wollten sie sich für immer einprägen. Eine halbe Stunde verging, eine
Stunde, draußen war es dunkel geworden. Es fing an zu schneien.
Schneeflocken fielen gerecht auf beide Seiten der Mauer.
Dringlich, beinah flehend sah mir mein
Unterhalter in die Augen. Ich verhielt mich wie sonst. Was innen vorging, hatte
ich nicht unter Kontrolle. Chemie raste durch die Windungen meines Kreislaufs.
Ohne diese fremden Bestandteile, die mein Denken und Fühlen und Sehen
aufdrehten und zugleich dafür sorgten, dass ich ruhig blieb, wäre ich
aufgesprungen und kopflos fortgestürzt. Unheimlich klar war mir die
Situation. Ich hing mitten im Schicksal. Der Faden, an den ich mich klammerte,
war sehr dünn, ich war ein Siebzehnmillionstel, das sich abseilen wollte,
ein Wichtlein in der Mitte der Welt. Ich musste mich gut festhalten, damit ich,
wenn Pete endlich auftauchte und wir alles, was noch erledigt werden musste,
reibungslos hinter uns gebracht hatten, auf der anderen Seite abspringen
konnte.
Der Doktor hörte auf zu reden und
schüttelte den Kopf. War ihm aufgefallen, dass ich auf meinem Stuhl hin
und her rutschte und immerzu den Kopf zum Eingang drehte? Nein. Er forschte in
sich hinein, starrte irgendwohin, zog den Blick in sich zurück und sah
wieder aus sich heraus. Ich hörte eine S-Bahn halten und losfahren.
Vielleicht kommt Pete mit dieser Bahn, ist eben ausgestiegen und wird gleich
hereinkommen. Gleich wird er vor mir stehen. Ohne sich zu setzen, wird er meine
Hand nehmen und mich von hier wegziehen.
Jemand trat ins Café ein,
schüttelte sich, ich erschrak, vibrierte, jemand strebte auf einen Tisch
zu, setzte sich hin. Ich war ganz ruhig. Die angespannte Unentschlossenheit
meines Tischnachbarn rührte und ärgerte mich. Sein Mund nahm Anlauf
und schloss sich wieder. Er suchte immer noch nach der angemessenen Form
für das, was er zu sagen beabsichtigte. Sonst war der geistreiche Mann
doch nie um ein Wort verlegen. Er zwinkerte. Unsichtbare Tentakeln gingen von
ihm aus, tasteten über den Tisch an mir entlang nach dem Punkt, dem
Moment. Er rückte den Kopf näher. Misstrauisch huschte sein Blick an
mir vorbei und kehrte entschlossen zu mir zurück.
Er habe ein Problem. Und er müsse
sich jemandem anvertrauen. Er sei sich noch immer unsicher, ob er es mir sagen
könne.
In meiner Abschieds- und
Weltuntergangsstimmung habe ich ihm vermutlich etwas Sarkastisches entgegnet,
doch es musste dem drucksenden Menschen Mut gemacht haben. Nach erleichtertem
Ausatmen fragte er mich, ob ich ihm einen Rat geben könnte, in einer
allerdings sehr heiklen Angelegenheit. Ich nickte ihm beschwichtigend und
beruhigend zu, als wäre nicht ich es, die beschwichtigt und beruhigt
werden müsste.
Er begann zu flüstern. Prostata,
vernahm ich. Er habe da etwas, Entzündung, Reizung, man wisse nicht genau.
Ich hörte das Wort zum ersten Mal. Wo haben Sie was? Er wiederholte.
Prostata, ein temperamentvolles, ulkiges Wort, es könnte ein Frauenname
sein, ein frommer Name, der Name einer Nonne. Geheimnistuerisch, wie der Mann
redete, so wichtig, wie er sich aufführte, musste Prostata etwas Intimes
sein. Hatte also mit dem Geschlecht zu tun. Höflich hielt ich mein Ohr ins
Geflüster des Mannes, um mich herum drehte sich alles, meine Stoppuhr
tickte bedrohlich. Auch wenn es etwas Ernstes wäre, er wäre sich
nicht sicher, ob er einer Operation zustimmen sollte. Ich wisse doch wohl um
die Folgen.
Nichts wusste ich, nur dass ich
wartete. Mein Herz klopfte mich mit harten Schlägen ab, mein Gesicht war
heiß und kalt. Die Augen aufgerissen spielte ich weiter die Aufmerksame,
vernahm das Wort Prostata im Wisperton in Erwägungen eingewickelt, sah in
das besorgte Gesicht und zur Tür und auf den Tisch und wieder in das
Gesicht. Der Mann fürchtete um etwas Bedeutsames und hatte mir die Rolle
als Retterin zugedacht. Ich sagte kein Wort.
Als ich es nicht mehr aushielt und
aufsprang und mir meine Jacke überwarf, sah ich Pete am Eingang. Ich
ergriff das Paket mit dem Mantel, nickte dem Doktor zu, brachte noch heraus, Entschuldigung
ich muss jetzt leider es ist höchste Zeit, und stürzte auf Pete zu.
Wir verließen das Pressecafé und hasteten zwischen Leuten mit
hochgestellten Mantelkrägen die vermatschte Friedrichstraße
hinunter.
Pete war aufgehalten worden. Von wem
und warum und wodurch, er sagte es nicht, ich fragte nicht, wir sagten beide
nichts, ich hielt mich nur an seinem Arm fest. Ich habe den Pass, sagte er
leise, du musst noch die Etiketten einnähen. Etiketten von Schweizer
Firmen hatte er schon gestern bei Sophie erwähnt, er dachte wirklich an
alles. Sophie hatte mir Nadel und Nähgarn mitgegeben.
Das Stück bis zu Frau Kleinerts
Haus rannten wir. Frau Kleinert lag in ihrem ofenwarmen Zimmer schlafend auf
dem Sofa. Zwischen zwei Fingern klemmte eine angerauchte, erloschene Zigarette,
auf dem Tisch standen eine geleerte Schnapsflasche und drei Gläschen. Pete
zog die Kippe vorsichtig heraus und legte sie auf den Rand des Aschers.
Ich wickelte den roten Wollmantel aus,
das harte Packpapier krachte furchtbar laut. Ich strich den Mantel glatt, zog
meine Sachen aus und nähte so gut und schnell ich nur konnte Etiketten von
Schweizer Firmen in Wäsche und Mantel. Pete bestand energisch
flüsternd darauf, auch den Pullover, ja und auch den Rock mit einem Etikett
zu versehen. Beruhigend drang Frau Kleinerts Schnarchen durch die
abgeschlossene Tür. Pete hatte sogar an Schweizer Bonbons und an
Westparfüm für die Handtasche gedacht. Ich zog mir die Sachen wieder
an, steckte den Schweizer Pass ein und schrieb für Frau Kleinert ein paar
dankende Abschiedsworte auf einen Zettel. Sie mussten so formuliert sein, dass
nicht der geringste Verdacht eines Mitwissens auf sie fallen konnte. Neben den
Zettel legte ich meinen Ausweis, die Schlüssel und das restliche Geld. Ich
schlüpfte in den Mantel und warf mir um Kopf und Schultern die schöne
schwarze Woll-
stola aus der Deutschen Bücherstube, die ich mir zu Weihnachten geschenkt
hatte und die ich noch viele Jahre tragen würde. Auf Zehenspitzen
schlichen wir aus der Wohnung. Meine Gedanken vergaßen nicht, der lieben
Knurrhenne zum Abschied übers Haar zu streicheln.
IV
An der Ecke Oranienburger Straße trennten wir uns
mit einem festen, ernsten Händedruck. Mach’s gut. Pete wollte den
ganzen Weg im Abstand von etwa fünfzig Metern hinter mir gehen. Ich
marschierte los, an den von mir weihnachtlich dekorierten Schaufenstern der
Deutschen Bücherstube vorbei, und ich warf noch einen Blick auf die
schummrigen Fenster der Bärenschänke gegenüber. Oft hatte ich
hier mittags eine Bockwurst und den selbst gemachten Kartoffelsalat gegessen.
Auf der Höhe des Zirkus Barlay drehte ich mich um. Pete war losgegangen,
ich sah ihn wie einen Schatten.
Die Luft war feucht und kalt, alle
Geschäfte seit vier Uhr geschlossen, ab und zu ging ein vorzeitiger
Silvesterböller los, das fahle, scharfe Knallen verdichtete noch die
winterliche Trostlosigkeit auf der Friedrichstraße. Eine S-Bahn ratterte
über die Brücke am Bahnhof, Wagen für Wagen verschwanden die
Bahn und ihr Geräusch im diesigen Dunkel. Auch ich war dabei, von hier zu
verschwinden. Ich ging am Pressecafé vorbei. Saß der Doktor da
noch und grübelte? In mir drin bog es mich in einem Anfall aus Lachen und
Heulen. Ich ließ das Pressecafé hinter mir, die Monate, in denen
ich mich im Erwachsensein ausprobiert hatte.
Auf der Kreuzung Unter den Linden, auf
der ich so oft sehnsüchtig übers Tor hinweg zur Siegessäule und
abends bis zum hell erleuchteten Telefunkengebäude am Ernst-Reuter-Platz
geschaut hatte, hörte ich plötzlich eine Stimme neben mir. Guten
Abend. Ein junger Mann entschuldigte sich, mich angesprochen zu haben. Ob er
mich zu einer Tasse Kaffee einladen dürfe? Während wir die Kreuzung
überquerten, sagte eine Stimme in mir: Nimm die Gelegenheit beim Schopf!
Jetzt kannst du dein Schweizerisch sprechen üben!
Auf dem Bürgersteig Unter den
Linden blieb ich mit dem Jungen stehen und begann. Tut mir leid, zum
Kaffeetrinken habe ich keine Zeit mehr, sagte ich mit dem Singsang des
Professors aus Wien und hartem Rachenlaut, ich muss um zweiundzwanzig Uhr
wieder drüben sein, in Westberlin, ich glaube, ich bin schon über die
Zeit, aber ich würde mich freuen, wenn Sie ein Stück mit mir gingen.
Mach ich gern. Sie sind nicht von hier? Von drüben? Wo kommen Sie her? Aus
der Schweiz? Zürich? Ich nickte. Oh, ich beneide Sie so, brachte der Junge
laut und leidenschaftlich heraus, Sie haben es gut, Sie können einfach
rübergehen, wir müssen hier bleiben, wir sind hier eingesperrt. Das
sagte der Junge aus dem Osten zu dem Mädchen aus dem Osten, das sich schämte
und tief im Inneren aufgewühlt loskicherte. Wär das schön,
seufzte der Junge, wenn Sie mich einfach in Ihre Handtasche stecken und mit
durch die Grenze nehmen könnten! Ich würde es so gerne tun, ach so
gerne würde ich das, das können Sie mir glauben. Danke, sagte er. Auf
einmal fing er an, aufgeregt in der Luft herumzufuchteln. Ich hab eine Idee!
Würden Sie mir einen Gefallen tun? Ich habe Freunde in Westberlin, bis zum
August haben wir uns regelmäßig getroffen, mal hier, mal
drüben, doch nun, diese blöde Post, alles geht so langsam, wenn
überhaupt ein Brief ankommt. Ob Sie mal bei dem einen anrufen würden
und ihm einen schönen Gruß von mir bestellen? Er nannte seinen
Vornamen. Aber gern, natürlich mache ich das, antwortete das Mädchen
aus Zürich. Danke, danke!
Wir überquerten die Leipziger
Straße. Der Junge nahm meine Hand und drückte sie dankbar. Er fasste
in die Innentasche seiner Jacke und zog ein Notizbuch heraus, er hatte sogar
einen Bleistift dabei. Aus dem Notizbuch riss er eine Seite und schrieb im
Dunkeln, Schneeflocken fielen auf das Zettelchen, einen Namen und eine
Telefonnummer. Leider haben meine Eltern kein Telefon, sagte er, nur wenige
haben eines, so ist das nun mal hier. Was wird Pete bloß denken, fragte
ich mich, hoffentlich macht er sich keine Sorgen. Ich drehte mich um und sah
ihn. Und ich steckte den Zettel des Jungen und seine Bitte in meine Handtasche,
wenigstens das.
Wir gingen weiter.
Als ich den Jungen über sein
Leben reden hörte, war es mir, als lauschte ich mir selbst. Das
Gefühl in seinen Worten war auch mein Gefühl. Er erkundigte sich, was
ich heute hier in Ostberlin gemacht hätte. Die Schweizerin antwortete das
Erste, was der Ostberlinerin einfiel. Museum, alte Meister, Marienkirche, Unter
den Linden runter zur Friedrichstraße. Am Bahnhof habe ich ein
Café entdeckt, da habe ich lange gesessen. Das Pressecafé, das
kennen Sie doch auch? Er kannte es nicht. Und ich schwärmte dem jungen
Tischler aus Ostberlin von der Atmosphäre vor, so locker, viele
interessante Leute. Wenn ich jetzt die Zeit gehabt hätte, wär ich
gern noch mal mit Ihnen dorthin, ins Pressecafé, auf einen Kaffee.
Schade, seufzte er. Ja, schade, wiederholte ich, ganz in meiner Rolle
aufgegangen, aber vielleicht ein andermal. Morgen? Übermorgen? Leider
nein, leider. Ich fahre morgen nach Zürich zurück.
Sie haben es so gut, hörte ich
seine sehnsüchtige Stimme, Sie wissen gar nicht, wie gut Sie es haben. Er
hielt an und senkte den Kopf. Ich darf hier nicht mehr weitergehen, sagte er
traurig, hier ist mein Weg zu Ende. Ich muss umkehren, hier beginnt der
Todesstreifen. Dort hinten ist der Übergang für Sie. Er zeigte
geradeaus. Milchige Lichthöfe um Laternen, von Schneeflocken umtanzt wie
von Fliegen. Ein Schlagbaum. Baracken mit heimelig erleuchteten Fenstern.
Der Junge reichte mir die Hand und
drückte sie lange. Er hatte Tränen in den Augen. Danke, sagte er noch
einmal. Danke, erwiderte ich, ich werde Ihren Freund von Ihnen
grüßen. Ich umarmte ihn nicht, damit Pete nicht erschrak. Er kehrte
um, ging Pete entgegen, an ihm vorbei, er ging zurück. Ich schritt auf den
Grenzübergang zu.
Die Grenzer in der Kontrollbude, einer
hinter dem Fensterchen und der für Gepäckkontrolle zuständige in
dem kleinen Raum, sahen mir gut gelaunt entgegen. Sie schienen froh zu sein,
mal wieder jemanden kontrollieren zu können. Oder vielleicht hatten sie
morgen frei und freuten sich auf Silvester. Der für die Passkontrolle
Zuständige nahm den Pass und blätterte darin. Er fand das Zeichen
vor, das winzige Bleistiftzeichen, von dem ich keine Ahnung hatte. Es wechselte
täglich. Pete hatte erst bei einer Fluchthilfe-Organisation in Erfahrung
bringen müssen, auf welcher Seite im Pass und auf welcher Stelle dort bei
der Einreise am 30. Dezember ein Punkt, ein Strich, ein Kreis, ein Kreuz oder
sonst etwas eingezeichnet wurde. Bei der Ausreisekontrolle, also jetzt, wurde
es wieder ausradiert. Wegen des Zeichens und aus noch einem anderen Grund, den
er mir niemals verriet, hatte Pete den Pass gestern Nacht wieder mitgenommen.
Ohne dieses Zeichen im Pass hätte man mich geschnappt.
Der Grepo verglich das Gesicht auf dem
Passbild des Züricher Mädchens mit meinem Gesicht, das von der
schwarzen, von Schneeflocken benetzten Stola umhüllt war. Nur einmal sah
er hin und gab mir den Pass zurück. Danke, sagte ich und steckte ihn ein,
und: Gutes Neues Jahr im Voraus! Ich ging nach draußen, ich war durch.
Ihnen auch, riefen sie mir hinterher.
Ich stand mitten auf der
Kochstraße. Im Westen. Nach einigen Minuten sah ich Pete. Wir breiteten
die Arme aus und rannten aufeinander zu. Pete hatte die Grepos nach der jungen
Dame im roten Mantel gefragt, die vor ihm durchgegangen sei. Ganz stolz
hätten die ihm geantwortet: Eine Schweizerin!