Sabas Martín:
Nacaria
(Leseprobe)
Eins
Das magische Projekt
Eine flüchtige Schrift aus
Schaumzeichen hinter sich lassend, ähnelte das Schiff einem jungen Wal,
der es der feinen Fadenspur der Spinne gleichtun will. Langsam schaukelte es
vorwärts. Wie eine starre, weit entfernte Galionsfigur spiegelte sich der
Mond auf dem Bug und verlieh den Eindruck falscher Ruhe. Quintero beobachtete
die Spur des flüchtigen Kielwassers im Dunkel der Nacht und sein
angestrengt das Wasser durchforschender Blick verriet, wie er die Ankunft
herbeisehnte. Unerträglich lange dünkte sie ihm.
Seine Pilgerfahrt über den
Atlantik und der Jahre dauernde Aufenthalt in Amerika lagen hinter ihm. Jene
Zeit verflüchtigte sich bereits in seinen Gedanken und erschien ihm vom
Richtung Hafen tänzelnden Schiff aus weit entfernt und bereits
verschwommen. Trotzdem wusste Quintero, dass er sich, wenn er nur wollte, den
Beginn der verrückten Irrfahrt wieder ins Gedächtnis zurückholen
könnte – Besser alles vergessen. Vielleicht hat es nie einen Anfang
gegeben.
Die Wellen, die Algen herbeischafften,
die sie glitschig, schleimig auf den Schiffsplanken ablegten, bestärkten
ihn in seinem Bestreben, die Mole der Insel zu erreichen. Die Vergangenheit war
an den Rand gedrängt: abgesprengt widersetzte sie sich der Erinnerung.
Bald würde auf Isla Nacaria, als ob Unmögliches bestätigt
würde, für ihn die Zeit neu beginnen. Quintero schickte sich an,
seinen alten unveränderten Plan in die Tat umzusetzen.
In Übereinklang mit dem Rhythmus
des stampfenden Schiffes schlug Quinteros Herz auch in seinem Kopf. In den
gleichmäßigen Schlägen klang es wie ein fortgesetztes
forderndes Echo, das umso heftiger wurde, je näher das ersehnte Reiseziel
rückte. Seit jenem weit zurückliegenden Augenblick, in dem er
überwältigt vor dem feurigen Rot stand, das die aus der Laus der
amerikanischen Feigenkaktee gewonnene Farbtinktur Kaschmir- und Seidenstoffen
verlieh, gab es für Quintero nur noch ein Ziel: zurückzukehren und
seinen Plan zu verwirklichen. Von dieser Idee war er besessen, wie jemand, der
weiß, dass er geboren wurde, um eine einzige Aufgabe zu erfüllen.
Über Isla Nacaria wird ein fruchtbarer Regen niedergehen. Und sein Denken
hatte die Entschiedenheit unumstößlicher Entschlüsse.
Mit trägem, eintönigem
Stampfen begegnetedas Schiff dem Wind und entfernte sich damit immer mehr von
der ersten Überfahrt, die Quintero in umgekehrter Richtung von Isla
Nacaria aus zum Kontinent jenseits des Atlantiks unternommen hatte. Mit jeder
Spur des Kielwassers, das die ruhige Fläche des Ozeans verwischte,
verschwand die erniedrigende Armut, die ihn angestachelt hatte, Stück
für Stück die Anschläge am Kai der Insel zu lesen und sich so
Daten, Abfahrten und Nationalitäten wieder ins Gedächtnis
zurückzurufen, wie jemand, der hofft, durch die Lektüre fliegender
Blätter gerettet zu werden. In der Nacht vergaß er das Elend, das
ihn Grenzen vergessen ließ und ihn zwang, an Bord zu gehen, unerkannt,
wie viele andere auch, die von einem elementaren Überlebenswillen angetrieben
wurden und die Anschläge denen überließen, die an der Mole und
ihrem Elend zurückblieben oder auch auf ein anderes Schiff warteten, das
die Überfahrt antrat. Und dann: Sein beharrliches Umherziehen durch
Kreolenstädte, um Tauschgeschäfte zu tätigen und sich dem
Verkauf von Tand und Trödel zu widmen. Dasselbe Vergessen galt der
Antillenmachete, die ihm bei der Zuckerrohrarbeit anvertraut worden war, ein
treffsicheres, gefräßiges Werkzeug, um dem Rohrdickicht beizukommen;
jener Machete, die ihm mit einem blitzschnellen Hieb, einem Biss wie ein Spuk,
den Finger abschlug, der sich nach einigen Spritzern blutend im Dschungel
verlor.
Nichts von all dem bedauerte Quintero,
nicht einmal den unter der Tropenhitze beim Stapeln unzähliger Kalebassen
vergossenen Schweiß. Er erinnerte sich nur an jenen Tag, als der
strahlende Glanz der aus dem Schmarotzer der amerikanischen Feigenkaktee
gewonnenen Farbtinktur mit aller Deutlichkeit vor seinen Augen erschien –
und zur magischen Besessenheit wurde. Da erkannte er sein Schicksal, glasklar.
Dorthin, auf seine Erfüllung hin, bewegte sich die Kielspur des nur allzu
trägen Schiffes.
Plötzlich umwehte ihn ein
trockener, intensiver Geruch, den der Meereswind noch verstärkte. Vom
Schiffsbauch her erreichte ihn eine Mischung aus pflanzlicher Ausdünstung und
rostiger Feuchte: der Atem der überseeischen Feigenkakteen, die in den
verborgenen Räumen des Schiffes lagerten. Dieser Hauch aus Katakomben,
dachte Quintero, war für ihn wie Medizin, fast ein Geschenk.
Die intensive Dunstwolke machte sein
persönliches Erscheinen erforderlich. Das Schiff setzte die Überfahrt
fort, eingelullt in stetige Mattheit. Quintero wanderte durch eintönige
Gänge, an von Rost und Öl gezeichneten Geländern vorbei,
über Wendeltreppen, bis er schließlich vor der schweren Tür des
Lagerraums stehen blieb. Zunächst wurde die Ausdünstung
schwächer, schien sich fast aufgelöst zu haben, bis sie ihm nach
Überschreiten der Schwelle fast explosionsartig entgegen quoll.
Quintero kannte diesen Geruch gut. Er
hatte sich an ihn gewöhnt, als er auf der anderen Seite des Atlantiks die
Geheimnisse der Aufzucht der Kakteen lernte, auf denen die weiße Laus
gedeihen konnte. Die Aussaat, die klimatische Anpassung und damit verbunden die
Vermehrung des Parasiten war sein Ziel. Dafür kehrte er nach Isla Nacaria
zurück. Damit er seine Aufgabe erfüllen könne, unternahm er die
Rückreise, wobei die vergessenen Trümmer seiner eigenen Geschichte
hinter dem Heck des Schiffes verschwanden – Erst wenn ich ankomme, erst
dann, wird mein Leben beginnen.
Langsam ging Quintero vorwärts und
streckte eine Hand aus, um die Stacheln der graugrünen Blattglieder zu
ertasten. Zart, fast andächtig, glitten seine Fingerkuppen über die
wenig einladende Oberfläche der Pflanze, bis er die weichen winzigen Höcker
spürte. Er ging mit den Augen näher heran: Dort befanden sich
tatsächlich zwischen den zerbrechlichen Stacheln auf verschwommenem
Grüngrau die weißen Schmarotzer. Als er die schwere Tür des
Lagerraums schloss und den um seinen Hals hängenden Lederbeutel mit den
„Samen“ spürte, lächelte er erleichtert.
Begleitet von dem unverwechselbaren
Geruch, eilte er durch die nächtlichen Gänge des Schiffes
zurück. Seine Schritte wollten hallen, doch das Echo blieb aus; die
schattigen Wände bemächtigten sich seiner und machten daraus einen
langsam vergehenden Ton. Quintero begab sich wieder an Deck. Es trieb ihn der
Wunsch, die Nacht auszuloten. Lässig lehnte er an der Reling; die
nächtliche Kühle versetzte ihm Nadelstiche ins Gesicht und brannte
auf der Hand, genau da, wo ein Finger beim Zählen fehlte.
Das vor der Hafenmole der Insel
liegende Schiff hob sich scharf von der Monotonie des unbewegten Horizonts ab.
Quintero hatte den Lastwagen herangefahren und bemühte sich, ohne seine
Ungeduld zu verbergen, den Hafenarbeitern, welche die Säcke vom Schiff auf
das Fahrzeug beförderten, präzise Anweisungen zu geben. Nach
Abschluss der Verladearbeiten überprüfte Quintero die alte
Verschlussklappe und fuhr ohne Verzug los. Während hinter ihm das
grünliche Meer aus seinem Blickfeld verschwand und die gerade Hafenmauer
zum Punkt wurde, drängte sich immer wieder die von den Rädern
aufgewirbelte Staubwolke durch die Ritzen der Fenster in die Kabine. Und
trotzdem erschien ihm diese Staubflut, die sich in Augen und Zähnen
festsetzte, wie ein feiner Regen auf einer ausgedorrten Pflanze – So
viele Jahre musste ich warten.
Schnaubend und ruckend nahm der
Lastwagen die Biegungen der Straße, wobei er ab und zu anderen
Fahrzeugen, einem Wanderer oder streunendem Vieh begegnete. Fast ständig
begleitete ihn die Silhouette von Bäumen, die in ihrem pflanzlichen Trieb
und himmelwärts gerichtetem Streben gekappt worden waren; in ihrem
aufrechten Wuchs täuschten sie Säulen mit mehreren Armen vor. In dem
Maße wie sich die Fahrbahn verengte, änderte sich das
unregelmäßige Bild am Wegesrand: An die Stelle der Bäume traten
steil aufragende Felsen, der Boden bestand nur noch aus Basaltgeröll und
Steinen; zuweilen wuchsen struppiger Majoran oder spärliche
Säuleneuphorbien und Tabaiben.
Quintero, ans Lenkrad geklammert, das
fast mit seinen Händen verschmolz, umfuhr geschickt mit einer kaum
merklichen Drehung der Arme die holperigen Schlaglöcher, die das Rattern
unterbrechen wollten. Als das Abendlicht der einbrechenden Nacht wich,
betätigte er, einem plötzlichen Entschluss folgend, das Bremspedal
und zog gleichzeitig die Handbremse. Wie unter krampfartigem Schluckauf
verstummte das Holpern des Motors. In der Stille der frühen Dunkelheit
verstärkte sich das Quietschen der Fahrertür, die mit einem trockenen
Schlag ins Schloss fiel, und auch Quinteros Schritte waren mit aller
Deutlichkeit zu hören; sie knirschten im neben dem Laster
aufgetürmtem Sand. Er öffnete den Hosenschlitz und ließ
genüsslich dem üppigen Strahl seinen Lauf; lange urinierte er
über einem Windenstrauch, worauf ihm eine Duftwolke aus Ammoniak und
Rhododendron entgegenschlug. Dann kehrte er zum Lader zurück.
Hastig entriegelte er die Ladeklappe,
um einen der Säcke herauszuziehen. Dabei erfüllte ihn die Genugtuung
eines Menschen, der endlich geheime Rache nehmen kann – Dafür bin
ich zurückgekommen. Nichts wird mich hindern.
Der Sack war voll von Feigenkakteen.
Quintero bemerkte die Bruchstellen einiger Stacheln und richtete gleichzeitig
beschädigte Blattglieder wieder auf, die beim Ent- und Beladen beinahe
abgebrochen wären. In Gedanken versunken betrachtete er sie eine ganze
Weile. Da hatte er sie wahrhaftig vor sich, unverwechselbar in ihrem
Graugrün. Und es gab noch mehr davon, dort in den anderen Säcken auf
dem Lastwagen.
Er griff mit der Hand nach dem Beutel,
der um seinen Hals hing, und öffnete ihn, um an eines der kleinen
Ledersäckchen zu kommen, die er enthielt. Gebannt, fast wollüstig
betastete er es; dann entleerte er den Inhalt in seine Hand. Im selben
Augenblick sahen ihn feste kleine Kugeln an, die sogenannten Samen, und
ließen Quintero an das Senfkorn aus dem biblischen Gleichnis denken.
Kaum merklich ging der Abend zur Neige
und es begann das Zirpen der Grillen. Glühwürmchen leuchteten in den
Tamarisken. Quintero schob die Riegel wieder vor, schaltete die Scheinwerfer
ein und erneut ratterte der Lastwagen nach kurzen Stößen los. Mit
scharfen Schatten begleiteten die Berge den gelblichen Lichtkegel, der den Weg
ausleuchtete,
den Radspuren im Schotter vorauseilend.
Um Mitternacht erscholl Quinteros Schrei, vergleichbar mit dem des Matrosen,
der vom Mast her ruft: Land in Sicht! – Endlich!
Und die Abblendlichter des Autos
tauchten das Haus in sanften Feuerschein.