Pressestimmen:
Ein Winterkrimi auf der Alb
Udo Oskar Rabschs Maria im Schnee": Eine Ermittlung in
kälteren Regionen
Das Wetter kann einen Ort ins Abseits katapultieren wie ein
Verbrechen. In seinem neuen Roman Maria vom Schnee" ist es ein
abgelegenes Dorf auf der Schwäbischen Alb, das der Stuttgarter
Schriftsteller und Allgemeinarzt Udo Oskar Rabsch in diesen doppelten
Ausnahmezustand versetzt. Dezember 1955 ist die Zeit der Handlung.
Der Schnee fällt so dicht, dass sogar die Polizei mit dem
Dienstwagen nicht weiterkommt.
Für die letzten Kilometer muss der Kommissar aus dem Tal sich
die Skier anschnallen. Der Weg wird ihm so beschwerlich, dass er
mitunter zweifelt, ob er sein Ziel noch erreichen würde.
Er hatte das Gefühl, sich einem Ereignis zu nahern, das
ihn von seinem gewohnten Leben trennen würde."
Einen Mord soll es gegeben haben in dem Dorf auf der Hochebene, das
so abgeschieden liegt, als wäre es abgeschnitten von der
ganzen Welt". Maria, die Kellnerin des Saalbau, Gegenstand der
sexuellen Fantasien fast aller männlichen Einwohner, ist
verschwunden. Und der Stall des Dorfschullehrers soll voll Blut
gewesen sein. Aber natürlich steckt mehr hinter der Geschichte,
als es auf den ersten Blick scheint. Der Dorfpolizist wäre
überfordert damit.
Ansonsten sind Einsamkeit und Weite die einzigen Merkmale der Gegend,
von der Kälte noch potenziert. Es war eine verdächtig
ruhige Landschaft." Die eisigen Flocken, die sich über die
Häuser legen, wirken wie ein unerbittlicher, zusätzlicher
Akteur, der den emotionalen Druck verstärkt. Der
Schneeglanz" verheißt dort oben keinerlei
Beschaulichkeit. Es ist, als krieche die Kälte hinein in die
Figuren und verändere ihr innerstes Wesen.
Der Ermittler ist kein Einheimischer. Er ist ein ehrgeiziger
Aufsteiger aus einer Flüchtlingsfamilie und ein Räsonierer
mit einer philosophischen Ader. Die Widersprüche der deutschen
Nachkriegsgesellschaft drängen sich ihm auf - manchmal so
ausführlich, als wäre der Kommissar nicht immer bei sich,
sondern Objekt einer erzählerischen Instanz. Ein deutsches
Wintermärchen" lautet der Untertitel des Romans, der seinen
Figuren durch die zeitliche Distanz eines halben Jahrhunderts eine
weitere Schicht Abgeschiedenheit mitgibt. Es mag diesem
zeithistorischen Hintergrund geschuldet sein, dass das Buch nicht als
Krimi, sondern als Roman angekündigt wird.
Die Verschwundene, das Zigeunerluder" wie sie im Dorf
genannt wurde, ist eine von außerhalb wie der Kommissar. Wenn
der mit der Objektivität eines Außenstehenden auf die
verhockte Enge blickt, tritt er in kühlen Kontrast zum
Erzähler, einem Jungen aus dem Dorf, der sich nicht heraushalten
kann aus dem, was er beobachtet. Dhe
(Südwestpresse)
Schnee bedeckt die weite Flur. Eine weiße Decke liegt
über allem, was Halt geben könnte. Sie ist kalt, sie ist
hell, sie ist anziehend und abstoßend zugleich. Nichts ist
greifbar im neuen Roman des Stuttgarter Arztes und Schriftstellers
Udo Oskar Rabsch: die Handlung nicht, nicht die Form, nicht das
Verhältnis von Wunsch und Wirklichkeit und nicht die
Gefühle hinter den verdeckten Leidenschaften. Es ist ein
vertracktes Spiel, von dem man liest. Ein Kommissar wird
ausgeschickt, um eine Leiche zu suchen, die es nicht gibt. Die
vermisste Frau, Maria, war schwanger, und fast jeder Mann im Dorf
Dornstetten könnte der Vater sein. Das Kind, darf man
mutmaßen, wurde im Stall geboren, doch kein gleißender
Stern kündet von Außerordentlichem, keine Engelschar
singt, und Ochs und Esel stecken am Ende tot im Eis. Udo Rabsch
erzählt eine Geschichte, die sich Ende 1955 auf der tief
verschneiten Schwäbischen Alb ereignet. Es ist die Geschichte
einer Suche nach etwas, das es nicht gibt, nach dem Aufdecken von
Zugedecktem, nach Leben unter dem Tod bringenden Weiß. Und es
ist die Beschreibung einer Sehnsucht nach etwas, das sich nicht
greifen lässt. Rabschs Buch will ein Kriminalroman sein, doch
verliert er sich in der Sprache, die eine Landschaft beschreibt wie
einen geliebten Körper. Und er verliert sich in einer
Landschaft, die zu Sprache gefriert. Auch von der Verdrängung
der Vergangenheit will der Roman erzählen - doch greift er weder
die Nutznießer noch die Mitläufer des Nazi-Regimes an, die
nach dem Krieg in ihre alten Funktionen zurückkehrten, sondern
verliert sich im Wechselspiel zwischen den Zeiten, die angesichts des
Immergleichen im dörflichen Alltag zu einer einzigen grauen
Befindlichkeit zusammenfließen. Vieles, lernt man, wird in
hermetischen Gruppen wie dieser unter einer Decke gehalten, wie der
Schnee hier eine ist. Lesend fällt man hinein in diesen Roman,
der Grenzen verwischt, um sie zu überschreiten. Rabschs
schöne, ruhige, mehrdeutige Bilder, die feinen Formulierungen
sind Kunst für Genießer. Und auch wenn man ahnt, dass die
Geschichte in nichts zerrinnen wird wie der schmelzende Schnee, so
mag man von dieser sehr eigenen Winterreise mit ihren hochpoetischen
Menschen, Charakteren, Außen- und Innensichten doch nicht
lassen.
Maria vom Schnee" ist ein schrecklich schöner Roman
für die warme Stube an kalten Wintertagen.
Susanne Benda, Stuttgarter Nachrichten