Jannis Ritsos im Gespräch
mit Asteris Kutulas über das Rauchen.
Während eines unserer
Interviews fragte mich Ritsos eher beiläufig: „Übrigens, warum
rauchst du nicht? Du ignorierst diese heilige Handlung, die ein Drittel, ja,
ein Viertel des Lebens ausmacht? Kennst du nicht die Gier nach einer Zigarette
nach dem Liebesakt? Wenn man das Streichholz anreißt und dabei die
winzigen Funken schlagen und dann im flackernden Licht die Brüste der Frau
und der Penis des Mannes sichtbar werden ...“ Den Einwand – das
Zimmer wäre bald voller Rauch, man müsse aufstehen, das Fenster
öffnen und würde sich, der Kälte wegen, nicht mehr aus dem Bett
trauen –, ließ er nicht gelten: „Du vergisst, dass liebende
Körper gegen Kälte gefeit sind. Außerdem: Denk an den
herrlichen Akt des Fensteröffnens, wenn der ganze Himmel mit all seinen
Sternen ins Zimmer tritt. Denk auch an Lady Chatterley von Lawrence. Wie ihr
Liebhaber während ihrer ersten gemeinsamen Nacht nach dem Beischlaf
aufsteht, zum Fenster geht, es öffnet – und als er zum Bett
zurückkommt, ist er schon wieder erregt. Das überwältigt Lady
Chatterley, die nach seinem Penis greift und nun mit ihrer Hymne auf Gott, auf
ihr Ein und Alles beginnt.“
Rauchen mache aber krank, versuchte ich dagegenzuhalten. Er zeigte auf die
Zigarette zwischen seinen gelblichen Fingern und fuhr fort, ohne meinen Einwand
zu beachten: „Oft ist es ja so, dass die Gedanken so schnell ablaufen, dass
die Hand gar nicht mit dem Schreiben nachkommt. Erinnerungen, die sich beim
Schreiben einstellen – Erlebnisse aus der Kindheit, verloren geglaubte
Räume und Landschaften, alltägliche Ereignisse – kannst du gar
nicht schreibend einholen ... Aber dann greifst du zur Zigarette, bläst
den Rauch aus, immer schneller, hastiger, als wärst du eine große
Lokomotive, deren Räder sich immer schneller drehen – so hast du
durchs Rauchen den Eindruck, schneller zu werden, Gedanken und Schreiben in
Einklang zu bringen.“ Er nahm die flache Zigarettenschachtel in die Hand,
drehte sie um, betrachtete sie.
„Oft meine ich, ein unbändiges Feuer lodere in mir. Dann habe ich,
wenn ich den Rauch ausblase, das Gefühl, ich würde etwas Dampf
ablassen, was mich sehr erleichtert.“ Und sofort fiel ihm noch etwas ein:
„Klingelt es an der Tür oder das Telefon läutet, wird dein
Gedankengang unterbrochen. Eigentlich müsstest du neu ansetzen oder das
Angefangene vernichten. Doch die Zigarette wird zu einer Brücke, zu einer
weißen Brücke vom unterbrochenen Gedanken zu einem neuen. Du stellst
dir einfach vor, die Unterbrechung geschah nur, um eine neue Zigarette
anzuzünden – ein Streichholz anzureißen, die Zigarette zum
Mund zu führen.“
Er öffnete die Schachtel mit den Papastratos-Zigaretten und bot mir eine an. Ich lehnte dankend ab und sagte, in diesem Augenblick wirklich verärgert über seine Argumentation, ich würde das Rauchen verbieten. Seine lakonische Antwort beendete unsere Zigaretten-Debatte: „Die Revolution gegen alle Verbote bedeutet wirkliche Freiheit.“